Transfer von Gareth Bale 24-Stunden-Narkotikum gegen die Krise

In Spanien tobt seit Jahren eine heftige Wirtschaftskrise, kürzt die Regierung dramatisch die Sozialleistungen, die Arbeitslosenquote führt zu einem Exodus der Jugend. Mittendrin kauft Real Madrid den Fußballer Gareth Bale für 100 Millionen Euro. Dennoch ist ein Aufschrei nicht in Sicht.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Zartrosa irrlichtert der Wahnsinn, chiffriert in der Zahl 100 Millionen Euro. So viel kostet der Fußballspieler Gareth Bale aus Wales, der eine verdammt gute Saison bei Tottenham Hotspur in der Premier League hinter sich hat und deshalb zu Real Madrid wechseln darf.

Die Nachricht des Tages stellt in den Schatten, dass zeitgleich das teuerste Transfergeschäft über die Bühne ging, das je einen deutschen Profi betraf: Real erleichtert seine Gehaltslast um Mesut Özil, der für 50 Millionen Euro an Arsenal London verhökert wird.

Spanien. Wo seit Jahren eine heftige Wirtschaftskrise tobt, die Regierung dramatisch die Sozialleistungen kürzt und die Arbeitslosenquote zu einem Exodus der Jugend führt. Neben dem Bale-Transfer lokalisiert sich dort eine weitere globale Höchstleistung: 24,5 Prozent der Spanier sind laut einer Länderanalyse der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ohne Job. Noch ein Weltrekord.

Man darf gespannt sein, wann die Obszönitäten einer zunehmend auf Marketing und Mediengedöns gebauten Industriebranche die Schmerzgrenze erreichen. Oder ob, im Gegenteil, die Sache mit den Fabelsummen, die der Fußball so bewegt, nur Teil eines 24-Stunden-Narkotikums für all diejenigen wird, die sich aus trostlosen Lebensrealitäten lieber in ihr privates Fußballpuzzle flüchten, mit Klub-Bettwäsche und Klub-Zahnbürste, um den Leib das Trikot des Lieblingsspielers gespannt, die Stunden vor dem Fernseher verbringend.

Hierzulande, apropos, wurde jüngst das Spiel des Dorfklubs Schwarz-Weiß Rehden zur besten Sendezeit live in der öffentlich-rechtlichen ARD übertragen. Der Regionalligist hatte in Runde eins des DFB-Pokals den FC Bayern zu Gast.

In Spanien ist die Stimmung ob des Rekorddeals durchwachsen. Barcelonas Coach Gerardo Martino nennt ihn "respektlos gegenüber dem Rest der Welt". Da kennt er den Vertrag seines Superhelden Lionel Messi nicht: In dem ist eine Ablösesumme von 250 Millionen fixiert.

Was es braucht in einem Geschäft, wo wenige Klubs, Kicker und Agenten den Großteil des Reibachs kassieren und laut EU-Studie kaum zwei Prozent der Transfergelder in kleine Klubs oder Amateurbereiche fließen, sind gesetzliche Regeln. Die wird es so wenig geben wie Anleihen an das US-Modell, wo es statt Markt-Darwinismus ein Salary cap gibt, die Gehaltsobergrenze, sowie ein Draft-System, das schwächeren Teams Zugriff auf die besten Jugendspieler sichert.

In Europa kaufen weiter die Reichsten die Besten, Real erlöst aus Grundstücksdeals mit der Stadt Madrid 5000-prozentige Profite - und die Europäische Fußballunion Uefa tut, als hätte sie mit ihrem neuen Financial-Fairplay-Gebot (FFP) eine furchtbare Waffe installiert, vor der sich nun alle richtig gruseln. FFP ist eine Wasserspritzpistole - auch das ist die Botschaft des Bale-Transfers.