Tour de France Triumph des Ersatzmannes

Tour de France 2015 17th stage epa04856776 Team Giant Alpecin rider Simon Geschke of Germany celebrates on the podium after winning the 17th stage of the 102nd edition of the Tour de France 2015 cycling race over 161 km between Digne-les-Bains and Pra Loup, France, 22 July 2015. EPA/KIM LUDBROOK +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)
  • Simon Geschke gewinnt als erster Deutscher seit 2007 eine Hochgebirgsetappe der Tour de France.
  • Der 29-Jährige war erst kurz vor Beginn der Tour in das Giant-Team gelangt.
  • Hinter der Ausreißergruppe um Geschke lieferten sich Spitzenreiter Christopher Froome und dessen direkter Verfolger Nairo Quintana ein dramatisches Rennen.
Von Johannes Aumüller, Barcelonnette

Die Tränen ließen sich nicht vermeiden, als Simon Geschke, 29, endlich das Ziel erreichte. Knapp 50 Kilometer vor dem Ziel hatte er auf dieser schweren ersten Alpen-Etappe eine Attacke lanciert, und dann fuhr und fuhr und fuhr er: den Col d'Allos hoch, die tückische Abfahrt dieses Berges hinunter und den sechs Kilometer langen Schlussanstieg nach Pra Loup wieder hoch - niemand konnte ihm in dieser Zeit mehr folgen. "Das ist ein bisschen surreal. Ich werde einige Tagen brauchen, um das richtig zu kapieren", sagte er.

Es ist in der Tat eine erstaunliche Geschichte, die dieser Simon Geschke aus Berlin da abgeliefert hat. Bis kurz vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt war gar nicht klar, ob er zum Kader seines Giant-Teams gehören würde. Zum einen, weil er noch im Frühjahr einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte; zum anderen, weil sich die Equipe in den vergangenen Jahren vor allem als Sprinter-Truppe formiert hatte, um Marcel Kittel das Terrain zu bereiten.

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Doch diesmal nominierte die Teamleitung Kittel wegen eines Formrückstandes nicht und stellte sich taktisch breiter auf. John Degenkolb sollte es in den Sprints versuchen, Warren Barguil im Gesamtklassement auf eine Top-Zehn-Platzierung fahren - und Geschke sollte sich eben immer wieder Fluchtgruppen anschließen. Normalerweise gehört er ja eher zu den anonymen Kräften des Feldes, zu den Akteuren, die für ihre Kapitäne schuften müssen. Aber schon beim Giro d'Italia oder bei der Vuelta hatte er in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er ein gutes Gespür für die richtige Gruppe hat- und mit diesem Gespür sicherte er sich bei der Tour nun den ersten deutschen Erfolg auf einer Hochgebirgsetappe seit 2007, als Linus Gerdemann in Le Grand-Bornand gewann.

Van Garderen gibt auf, Contador stürzt - und Froome pariert Quintanas Angriffe

Bereits in den vergangenen Tagen hatte Geschke es immer wieder versucht, und es war erstaunlich, dass er auf dem 17. Teilstück von Digne-les-Bains nach Pra Loup schon wieder die Kraft hatte, zu Beginn des Rennens in eine große Fluchtgruppe zu gehen. Das Feld um den Spitzenreiter Christopher Froome (Sky) ließ die Ausreißer gewähren, als Geschke dann sein Solo startete, musste er auch nicht befürchten, dass die ganz großen Namen noch einmal zu ihm auffahren würden.

Die lieferten sich stattdessen ein paar Kilometer hinter Geschke ihr eigenes dramatisches Rennen. Den Amerikaner Tejay van Garderen, bis vor der Etappe Dritter im Gesamtklassement, erwischte es bereits an den ersten kleinen Anstiegen, er musste aufgeben. Alberto Contador stürzte auf der Abfahrt vom Col d'Allos und verlor mehr als zwei Minuten auf die Gruppe um den Tour-Spitzenreiter Froome und dessen ersten Verfolger Nairo Quintana.

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Der Kolumbianer hatte schon zuvor angekündigt, dass er es in den Alpen noch einmal versuchen wolle. Und seine Movistar-Mannschaft hatte sich eine gute Taktik ausgedacht. Zwei Fahrer waren mit der Gruppe um Geschke mitgefahren, sie ließen sich später zurückfallen, und als der Col d'Allos überwunden war und nur noch der Schlussanstieg anstand, war Quintanas Team zu viert - und Froome alleine. Eine solche Situation hatte der Brite in der Tour bisher noch nicht erleben müssen. Quintana attackierte, einmal, zweimal, vor dem dritten Mal ließ er sogar ein kleines Loch zu Froome reißen, als habe er Schwierigkeiten zu folgen. Aber selbst dieser Bluff war vergebens: Froome gab sich souverän wie immer, fuhr mit seinem nach unten gesenkten Blick im Hometrainer-Stil den Abstand wieder zu. Im Zielsprint war Quintana diesmal knapp schneller. Aber den Rückstand von 3:10 Minuten zu reduzieren, gelang ihm auch nicht.

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