Von Andreas Burkert und Thomas Kistner

Viele Indizien deuten auf systematisches Team-Doping bei Saunier Duval hin - alimentiert von einem deutschen Unternehmen.

Während die Radszene und das Fernsehen nun einträchtig die Reinigung ihrer Tour feiern, ist der interessanterweise gleich nach Ruchbarwerden des Sündenfalls von Spitzenfahrer Riccardo Ricco geflüchtete Rennstall Saunier Duval auf gutem Wege, sich als besonderes Zeitphänomen zu entpuppen: Einzelfälle in Mannschaftsstärke.

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Der italienische Radsportler Leonardo Piepoli bejubelt seinen Sieg bei der 10. Etappe der Tour de France 2008. Der Radrennstall Saunier Duval hatte nach dem Italiener Riccardo Ricco auch ihn entlassen. (© Foto: dpa)

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Gegen Ricco, der vor der Polizei Doping leugnete, ist nun in Foix ein Ermittlungsverfahren wegen "des Gebrauchs verbotener Substanzen" eingeleitet worden; bei ihm hatten sich Spritzen und weitere Hilfsmittel, aber keine Dopingmittel gefunden.

Ihm folgte am Freitag Landsmann Leonardo Piepoli, der sich mit 37 in der Form des Lebens befand - und entlassen wurde. Die Begründung von Saunier - "wegen eines Verstoßes gegen den Ethik-Code" - ließ wenig Raum für Interpretationen.

Zugleich teilte die den Rennstall sponsernde Firma mit: "Das Saunier Duval-Scott Radsportteam wird von Saunier Duval Clima in Spanien gesponsert. Saunier Duval Clima distanziert sich scharf von jedweder Form des Dopings. Aufgrund der jüngsten Ereignisse (...) prüft das Unternehmen (...) die rechtliche Situation gemäß Gesetz und Vertrag."

Der Kontrakt gilt bis 2013. Allerdings erfolgte diese Mitteilung nicht aus dem spanischen Santander, offizieller Heimat des Teams. Sondern aus Remscheid im schönen Bergischen Land - dem Sitz des Heiztechnik-Konzerns Vaillant, dem auch die Tochter Saunier Duval angehört.

Dort hatte die Anfrage hektische Betriebsamkeit ausgelöst, man prüfe bereits eine Kündigung des Vertrages, hieß es anfangs. Auf die Frage nach den Geldflüssen ging man letztlich nicht konkret ein, doch eine Alimentierung des aktuellen Skandalteams legt der Eintrag auf der Internetseite des Teams nahe: Dort ist die Remscheider "Vaillant Group" namentlich als Geldgeber aufgeführt.

Dieser Umstand hatte im Frühling schon der Doping-Kronzeuge Patrik Sinkewitz verblüfft, als er auf seiner Suche nach einer neuen Mannschaft auch bei Teamchef Joxean Fernandez anrief. Der Spanier wand sich, eine Offerte in Aussicht zu stellen, sagte aber: "Mal sehen, vielleicht ist ja doch etwas möglich, das Geld kommt ja bei uns aus Deutschland."

Derweil scheint ein gut vernetztes Gesamtbild hinter der Kulisse des Rennstalls aufzutauchen. Zahlreiche Indizien deuten auf systematisches Doping bei Saunier Duval hin. So hat dessen Rennstallchef, der frühere Profi Mauro Gianetti, 1998 mal einige Tage im Koma gelegen, nachdem er bei der Tour de Romandie kollabiert war.

Damals fand sich in seinem Körper nach Auskunft der Ärzte ein Blutersatzstoff für Nierentransplantationen, der sich noch in der klinischen Erprobungsphase befunden haben soll.

Das nun bei der Tour gefundene Epo-Präparat Cera, hergestellt vom Pharmaunternehmen Roche, wird auf der Firmenwebsite von einem Doktor des "Hospital Universitario Valdecilla" kommentiert, wo klinische Studien mit der neuen Substanz stattgefunden haben. Das Krankenhaus befindet sich in Santander, also in Saunier Duvals Heimat.

Womöglich hat dort auch der spanische Profi Iban Mayo jenes Epo getankt, das ihm vor einem Jahr während des Giro und dann auch bei der Tour nachgewiesen worden war. Andere Quellen verweisen zudem auf mögliche Kontakte Gianettis zu den dubiosen italienischen Sportärzten Luigi Cecchini und Michele Ferrari ("Dottore Epo"), der eine Dependance nahe Sankt Moritz unterhalte.

Spanien, die Schweiz und Italien, das sind offenbar die Eckpfeiler einer dubiosen Clique. Von den spanischen Wurzeln rückt auch Teamarzt José Ibarguren, 41, in den Blickpunkt. Der Baske ist seit 1997, der Blütezeit der Epo-Generation, im Peloton beschäftigt. So betreute er zufälligerweise in jenem Jahr das italienische Lampre-Team, das 2002 mit dem Litauer Raimondas Rumsas den verblüffenden Tour-Dritten stellte.

Bald wurde jedoch am Zoll Rumsas italienische Ehefrau verhaftet - mit unzähligen Paketen unerlaubter Substanzen im Kofferraum. Auch bei Ibarguren fanden sich zwei Pakete, unter anderem mit Kortikoiden.

Sauniers langjähriger Sportchef Pietro Algeri, 57, wie Gianetti einst Fahrer, ist ebenfalls dem Metier treu geblieben, 2001 etwa lenkte er den mehrfach überführten italienischen Landsmann Gilberto Simoni zum Giro-Sieg. 2006 und 2007 fuhr Simoni für Saunier Duval. Wie übrigens auch der geständige Doper David Millar (heute Garmin). Nach dem einen Jahr habe er dort "weggewollt", sagt der Schotte, "mir haben da einige Dinge nicht gefallen". Was genau, sagt er nicht.

Mauro Gianetti, 45, versicherte derweil am Telefon, er sei "enttäuscht von Ricco". Wieso er Piepoli, beim Giro 2007 (folgenlos) positiv auf Salbutamol, jetzt entlassen hat, mochte er nicht sagen, er antwortete nur: "Ich habe ihm einfach nicht mehr getraut." Auch betonte Gianetti, Ricco zu Jahresbeginn selbst kritisch betrachtet zu haben. "Ich fragte ihn, ob er was nimmt, aber er sagte: 'Beim Kopf meiner Mutter schwöre ich, dass ich nichts nehme'."

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(SZ vom 19./20. Juli 2008/gdo)