Von Andreas Burkert

Lance Armstrong erlebt in den Alpen die größte Demütigung seiner Karriere. Zugleich gibt es große Fortschritte bei den Ermittlungen gegen den einstigen Tour-Souverän.

Um Punkt 17 Uhr meldet der Streckenfunk die Aufgabe von Lance Armstrong, "Breaking news!", ruft der Mann ins Mikrofon. Allerdings stammt er aus der ostholländischen Provinz Overijssel, mit seinen Freunden unterhält der Scherzkeks am Ortsausgang von Morzine die zahlreichen Zuschauer mit heimischem Liedgut und Prognosen zum abendlichen WM-Finale. So ganz abwegig ist seine Meldung zu Armstrong allerdings auch wieder nicht, denn als der Texaner sechs Minuten später die Kurve nimmt, mit der die Schlusssteigung nach Avoriaz beginnt, hat er diese 97. Tour de France längst verloren. All die anderen Favoriten sind ja schon unterwegs zum in 1800 Metern Höhe gelegenen Plateau, wo am Ende der Luxemburger Andy Schleck triumphieren wird.

Lance Armstrong, Jens Voigt Bild vergrößern

Die Leiden des Lance Armstrong. (© ap)

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Armstrong, 38, presst am Fuße der 14 Kilometer langen Rampe die Lippen aufeinander. Er schaut nicht nach vorn, auf das, was ihm jetzt noch bevorsteht. Sein Blick ist nach unten gerichtet, und dieser Blick sagt: Dieser Tag gehört zu den größten Demütigungen seiner Karriere.

Fast zwölf Minuten hat Armstrong oben Verspätung. Vor der Zieldurchfahrt schließt er noch den Reißverschluss seines Trikots, ein letzter Dienst am Sponsor. Das RadioShack-Team ist geschlagen nach einer Alpenetappe, die nicht mal eine Steigung der höchsten Kategorie enthielt. Auf sehr irdischem Niveau kommt Armstrongs Mannschaft neuerdings voran, nachdem sie ja früher stets in den Berg rasten und den Rest zermürbten. Damals bei US Postal.

In Morzine-Avoriaz dominierte Astana um Alberto Contador, obwohl der Titelverteidiger auf Schlecks Attacke kurz vor dem Ziel nicht reagieren konnte; genau wie der Australier Cadel Evans, der nun das Gelbe Trikot trägt mit nicht allzu komfortablem Vorsprung auf Schleck (20 Sekunden) und Contador (61 Sekunden).

Schleck siegt, Evans in Gelb

Aber das Thema ist nun erst recht Armstrong, dessen Zeit bei US Postal im Mai nachhaltig relativiert worden ist durch den Kronzeugen Floyd Landis. Armstrongs früherer Freund und Teampartner lebt jetzt bescheiden in den Hügeln von San Jacinto, südöstlich von Los Angeles. In einem Appartement von der Größe einer Studentenbude. Dieser mittellose Profi, der übrigens 2006 in Morzine triumphierte, ehe man ihm Testosteron nachwies und den Toursieg aberkannte, er zerrt offenkundig an den Nerven von Mister Perfect. Landis hat Armstrong systematisches Doping und schwarze Kassen aus Radverkäufen unterstellt.

"Ich glaube nicht, dass da etwas Neues ist, oder habe ich etwas verpasst?", hatte Armstrong vor der Abreise nach Morzine gesagt. "Wir haben hier offenbar den Ausfluss einer vermeintlich legitimen Presse, die sich selbst wiederholt." So unsouverän wirkte er selten. Auf dem Weg nach Morzine, wo er schon im Col de la Ramaz früh Zeit verlor, stürzte er insgesamt dreimal. Seit einiger Zeit stürzt Armstrong auffallend häufig. Ist er nervös bei seiner Abschiedstour? "Das war einfach ein schlechter Tag, so früh der erste Sturz an einem Kreisverkehr, es lief nicht gut", sagt er im Ziel. Seine Lässigkeit wirkt gespielt.

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