Lance Armstrong hat die Tour so gut wie verloren: Nach Alberto Contadors Sieg von Verbier muss er die Überlegenheit des führenden Teamrivalen anerkennen.
Hat er überhaupt geschwitzt? Rot sind seine Wangen, als Alberto Contador in Verbier die Hände vom Lenker nimmt, das schon. Aber die Anstrengung des Tages ist ihm kaum anzusehen, er sieht beängstigend munter aus. Diejenigen, die verspätet eintrudeln inmitten der Menschenmassen, die sich an diesem herrlichen Sommertag in die auf knapp 1500 Metern gelegene Skistation begeben haben, sehen ganz anders aus. Gezeichnet. Leer. Auf den letzten Metern tragen sie Fratzen der Erschöpfung im Gesicht. Auch Andy Schleck, der Zweite, und vor allem Lance Armstrong. Neunter ist er, Armstrong hat das Trikot weit geöffnet, das Wasser läuft ihm an den Schläfen runter. Als er ankommt, schaut er kurz nach oben auf die Zeitmessung. Anderthalb Minuten hat er auf Contador verloren, den Rivalen aus dem eigenen Rennstall, den Etappensieger, den neuen Mann im Gelbe Trikot.
Bild vergrößern
Beängstigend munter: Alberto Contador gewinnt die 15. Etappe, den Kampf ums Gelbe Trikot und den Machtkampf im Team Astana. (© Foto: AFP)
Anzeige
Lance Armstrong ist jetzt wieder Zweiter im Klassement. Aber eigentlich hat er am Sonntag in Verbier die Tour verloren.
Eine halbe Stunde nach dem Rennen sieht er das genauso. Der Texaner hat bis Verbier an seine eigene Chance auf den achten Toursieg geglaubt, auf Fragen nach der Kapitänsrolle im Team Astana hat er stets ausweichend reagiert. Das Rennen werde diese Frage beantworten, hatte der 37-Jährige dann entgegnet. Jetzt steht er oben in Verbier, die Schweizer Sonne scheint den schönen Schweizer Bergen. Und Armstrong schaut freundlich und gibt sich sehr viel Mühe, seine Niederlage als Allerweltserlebnis zu werten. "Es war vom Beginn des Schlussanstiegs die Hölle", sagt er, "es war schwer, ich habe gelitten." Und dann bringt er es über die Lippen, ganz lässig, wirklich ohne angestrengten Blick. "Alberto ist der beste Fahrer im Rennen, ich werde fair zu ihm sein und ihn auch nicht attackieren." Mit Rang zwei in Paris könne er diesmal leben, aber hey, "das Rennen ist noch lang!".
Mensch oder Motorrad?
Contador hat am Sonntag nicht nur die erste Bergetappe in den Alpen gewonnen. Er hat auch den Machtkampf, die Nervenschlacht innerhalb des Astana-Rennstalls für sich entschieden. Mit seinen dünnen Beinen, die so wundersam ausdauernd sind. "Es ist eine Ehre für mich, wenn ein Idol wie Lance Armstrong jetzt für mich arbeiten will", sagt Contador nun. "Ich bin sehr, sehr glücklich und froh, dass ich solch eine Lücke zu meinen Rivalen aufreißen konnte." Und Contador versichert: "Ich bin kein Motorrad, ich bin ein Mensch."
Im Berg sah das ein bisschen anders aus: Unwirklich, wie schon 2007 bei seinem ersten Toursieg, als er mit dem später suspendierten Gesamtführenden Michael Rasmussen auf steilsten Rampen Rennen fuhr. Diesmal sah Contador zudem so aus wie früher Armstrong, der sich bei seinen sieben Erfolgen in seinem ersten Sportlerleben gerne etwas arrogant umdrehte zur Konkurrenz und dann beschleunigte. Auch Contador verabschiedete sich knapp sechs Kilometer vor Verbier, indem er sich zuerst noch einmal seine Begleiter anschaute.
Dann fuhr er ab. Wie ein Krad.
Armstrong hat nicht folgen können, er konnte nicht. Armstrong gehorchte diesmal seinem Körper, der frühere wundersame Leistungen im Jahr seines Comebacks mit fast 38 Jahren offenbar nicht wiederholen kann. Er hat nun 1:37 Minuten Rückstand auf Contador, der erstaunlich zähe Brite Bradley Wiggins (Garmin), bisher eigentlich nur als Zeitfahr-Spezialist bekannt, liegt mit weiteren neun Sekunden Abstand auf Rang drei. Vierter ist der Cottbuser Astana-Helfer Andreas Klöden (2:17), der, als Armstrong litt, für den Amerikaner das Tempo machte, am Ende aber sogar dem entthronten Patron etwas davon fuhr.
Nachdem Armstrong Contadors Überlegenheit in den Bergen anerkannt hat, ist niemand in Sicht, der dem 26-jährigen Spanier seinen zweiten Sieg streitig machen dürfte. Zumindest kein Sportler. Der Australier Cadel Evans, zuletzt zweimal Zweiter in Frankreich: in Verbier knapp vor Armstrong im Ziel, in den TopTen fehlt er. Carlos Sastre, der spanische Titelverteidiger: dito, der Tagessechste ist jetzt Elfter. Bleiben die Überraschung Wiggins und die luxemburgischen Brüder Andy und Frank Schleck. Andy Schleck, 24, der Contador als einziger nachsetzte und nur 43 Sekunden einbüßte, dürfte aber beim Zeitfahren am Donnerstag rund um den See von Annecy (40,5 km) deutlich Zeit auf den Allrounder Contador verlieren.
Martin verliert das Weiße Trikot
Schleck hat jedoch das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers erobert. Tony Martin, der früh die Topgruppe ziehen lassen musste, hielt sich zwar beachtlich als Zwölfter, liegt als Klassement-Achter nun aber 90 Sekunden hinter ihm; knapp vor dem Eschborner rangieren auch noch der Dritte von Verbier, Vincenzo Nibali (Italien), und der Tscheche Roman Kreuziger. Sie könnte Spezialist Martin im Zeitfahren wieder einholen.
Bis Annecy ist es jedoch noch hin, für Mittwoch vor Le Grand-Bornand stehen fünf Gipfelfahrten im Plan. Montag indes ist Ruhetag, nur nicht für Contador. Er kommt angeblich zur Pressekonferenz in die Schweizer Weltverbands-Zentrale. Schwitzen wird er dort nicht. Er ist dann bei Freunden.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Tour de France RSS
- Tour de France 2009 Alle Teams, alle Fahrer 03.07.2009
- Tour de France 2009 Deutschland kämpft 19.07.2009
- Radsport Tödlicher Unfall bei der Tour de France 18.07.2009
- Enthüllungen im Radsport Doping per SMS 27.10.2009
- Doping und Jan Ullrich Teilgeständnis per E-Mail 19.10.2009
- Radsport: Tour de France 2010 Versteckspiel in Paris 14.10.2009
- Doping im Radsport Ein Sturm wird kommen 28.09.2009
(SZ vom 20.07.2009/dop)
Putin und Hollande streiten um Intervention in Syrien
denn ich verstehe davon nichts.
Aber wie es es scheint, ist Armstrong diesmal sauber.
Contador hingegen - wer weiß...
Ich muss Ihnen in vielem geschriebenem Recht geben.
Doch im Speziellen möchte ich noch einmal wiederholen:
Was Lance Armstrong am Berg von Verbier geleistet hat, verdient eine Menge Respekt, zumindest erhält er den von mir. Er kam als 9. an, noch vor so manchem anderen Topfahrer, hat (lausige) 95 Sekunden auf Contador verloren, obwohl er - nach eigenen Aussagen - schon unten am Limit war.
Der Mann ist bald 38, mit einiger Zeit Wettkampfpause. Und einer Verletzung im Frühjahr. Ich finde, das verdient Respekt, ohne das Wort Doping in den Mund nehmen zu müssen.
Ich lasse ja gerne jedem seine Meinung zum Thema Doping, tut auch eigentlich nichts zur Sache, da ja jeder Naive glaubt, alle sind sauber, und jeder Kritische, alle sind gedopt. Sogesehen ist es ja auch egal, ob er nun 9. unter Gedopten oder 9. unter den Sauberen wurde. Er kam als 9. an und zumindest ich finde das eine grossartige Leistung.
richtig, Du hast mich durchschaut:
ich bin offiziell für die Deutsche Faustball-Union (DFU) tätig.
Kann schon sein, aber das erklärt noch nicht, warum sie sich -stets wohlinformiert- so stark gegen den Radsport engagieren , obwohl sie der Radsport doch überhaupt nicht mehr interessiert. Vielleicht sind diese Leserkommentatoren gar keine echten Kritiker des Radsports, sondern Interessenvertreter von konkurrierenden Sportarten.
Geil wie die Leserschaft bei jeder Erwähnung des Begriffes "Radsport" von den Medien konditioniert wie der sprichwörtliche pawlowsche Hund lauthals "DopingDopingDoping!" sabbert.
Paging