In Italien bricht vor dem ersten Spiel eine Grundsatzdiskussion über die Position des Spielmachers aus.

Der eine trägt einen Gladiator auf dem rechten Oberarm, der andere vergleicht sich mit Achill. Der eine ist nach langer Verletzungspause ersichtlich im Formtief, der andere ist psychisch angeschlagen, denn sein Klub ist in einen Skandal mit unabsehbaren Folgen verwickelt. Der eine soll den sauberen Fußball symbolisieren, der andere hält sich raus. Der eine ist Francesco Totti, der andere Alessandro Del Piero. Im Freundschaftsspiel gegen die Schweiz hat Marcello Lippi sie gemeinsam auf den Platz geschickt und das sah nicht gut aus. Entweder Totti oder Del Piero. Weil die beiden aber die populärsten Spieler der Azzurri sind, sind sie in der Heimat schon in die übliche, rituelle WM-Debatte verfallen. Mazzola oder Rivera? Biaggio oder Vialli? Und jetzt also Totti oder Del Piero? Für den Trainer stehen die Chancen in jedem Fall Fifty-Fifty.

Totti oder Del Piero?

Wer darf die Position vor Gattuso einnehmen? Del Piero oder Totti. (© Foto: dpa)

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Die beiden Protagonisten sind rechtzeitig vor dem Match gegen Ghana in den Ring gestiegen und haben ihre Ansprüche angemeldet. "Ich bin auf 70 Prozent", hat Totti gesagt: "Und ich glaube, das reicht, um mitzuspielen." Del Piero entgegnete: "Ich bin auf hundert Prozent, vielleicht auch mehr." Tja, eine einfache Rechnung. "Mir geht es sehr gut, ich kann es kaum abwarten zu spielen. Glaubt bloß nicht, dass ich mich an die Reservebank gewöhnt habe, nur weil ich bei Juventus so oft darauf sitzen musste." Und Totti: "Ich bin bereit zu kämpfen. Ich weiß, dass es hart wird und ich einiges werde einstecken müssen - aber wenn ich das nicht aushalten könnte, wäre ich nicht gekommen."

Marcello Lippi tendiert anscheinend zu Totti. Oder besser: Tendierte am Sonntag, vor der Abfahrt nach Hannover. In der vergangenen Woche musste sich der Commissario Tecnico, dessen Squadra noch bis vor kurzem als Favoritin für das Finale galt, nahezu täglich neu orientieren. Die Verletzungsausfälle von Gianluca Zambrotta und Gennaro Gattuso bedeuten für Lippi den Verlust tragender Säulen, das Formtief von Andrea Pirlo und Mauro Camoranesi verstärken die Unsicherheit. "Wir kennen die Aufstellung von Ghana besser als unsere eigene", seufzte vor dem WeltmeisterschaftsAuftakt Luca Toni.

Wenigstens der Spieler des AC Florenz ist neben Alberto Gilardino von Milan fest im Sturm gesetzt, klammert sich aber auch schon an abergläubische Hoffnungen: "Wenn ich in der Vorbereitung noch kein Tor gemacht habe, bedeutet das ja wohl, dass es im entscheidenden Moment umso sicherer kommt." Hm. Lippi bemüht sich eisern darum, Ruhe und Zuversicht auszustrahlen - eine Disziplin, in der er auch schon als Trainer bei Juventus stark war.

"Wir können uns jetzt nicht beweinen und beklagen", umriss Francesco Totti die Lage im Lazarett Italia, und Franz Beckenbauer, der den Azzurri ein vorzeitiges Aus prophezeiht hatte, ließ der Römer cool ausrichten: "Wenn er Recht hat, fahren wir eben früher an den Strand." Seinen Teamkollegen Sammy Kuffour warnte Totti: "Wenn der mich am Montag tritt, sorge ich dafür, dass er die nächste Saison beim AS Rom nicht so oft spielt!" War Spaß, natürlich.

Rivale Del Piero entfernte sich bei seiner Pressekonferenz derart himmelweit von diesem Niveau, dass ein Journalist aus Japan erstaunt fragte, ob man die Sorbonne besucht haben müsste, um diesem Fußballer folgen zu können. Sagen wir mal so: Ein bisschen humanistische Bildung kann nie schaden. Weil Lippi seinen Spielern die Playstation verboten hat, lesen sie eben jetzt abends den guten alten Homer. Im Original vermutlich. Von wegen Sorbonne.

"Ich ziehe mich auf meinen Hügel zurück, um abzuwägen, zu denken, zu beobachten und mich zu konzentrieren", beschrieb Del Piero seine Gemütslage betreffs des Juve-Skandals. "Wie Achill sich aus dem Trojanischen Krieg zurückzog." Und was den Einsatz gegen Ghana angeht: "Für Achill war es nicht wichtig, wie viele Schlachten er schlug, sondern wie er sie bestritt." So also sieht es aus. Wenn Alessandro Del Piero noch ein bisschen weiterlesen würde, hätte er aber auch Achill aus der Unterwelt zitieren können: "Besser ein Knecht auf Erden, als ein Fürst der Schatten im Hades." Das war, als der stärkste Held der Griechen sich ungeachtet aller düsteren Orakel wieder ins Schlachtengetümmel gestürzt hatte und an seiner Ferse getroffen worden war. Andererseits: Hölderlin hat sich auch schon mit Achill verglichen - und er konnte wohl weit weniger gut Fußball spielen als Del Piero.

Kulturhistorisch wäre das Match gegen Ghana also schon mal eingeordnet. Lippi könnte in der Nacht zum Montag noch mal nachgelesen haben, wie denn dieser Agamemnon war, der den starken Achill auf der Bank schmoren ließ. Unsympathisch übrigens. Am Ende gewannen die Griechen in Troja mit List und Tücke. Totti ist das alles sowieso egal. Er will spielen und basta.

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