Torlinientechnik bei der Fußball-WM "Bravo Fifa"

Stell dir vor, du nutzt Torlinientechnik, und niemand glaubt dir: Bei ihrem ersten relevanten Einsatz bei der Fußball-WM stiftet die Torlinientechnologie mehr Verwirrung als Klarheit. Am Ende steht dennoch ein sauberes Urteil - endlich.

Von Johannes Knuth

Honduras' Trainer Luis Suarez grinste verbittert. Gerade hatte die viel zitierte Torlinientechnologie, das sogenannte GoalControl, zum ersten Mal bei dieser Fußball-WM über eine kniffelige Szene gerichtet, zum ersten Mal überhaupt bei einer Weltmeisterschaft. Endlich ein unbestechliches Urteil. Das müsste doch selbst Suarez gefallen, auch wenn sich das Urteil gegen seine eigene Mannschaft richtete, die gerade das 2:0 gegen die Franzosen kassiert hatte.

Doch Suarez führte seinen Zeigefinger Richtung Schläfe, rührte mit seinem Finger in der Luft. Loco!, so konnte man die Geste deuten, das ist doch verrückt!

Das neue Technik-Spielzeug des Fußball-Weltverbands Fifa stiftete am Sonntagabend zunächst genau, was es beseitigen sollte: Verwirrung. Frankreichs Karim Benzema hatte den Ball an den Innenpfosten befördert, von dort sprang er auf die Torlinie, kullerte Honduras' Torwart Valladares entgegen. Valladares entschied sich, den Ball erst einmal ins eigene Tor zu boxen, bevor er ihn aus der Gefahrenzone beförderte. Schiedsrichter Sandro Ricci blickte kurz auf seine Uhr, die das Signal der Technik empfangen hatte: Tor.

Dann raunten die Zuschauer, Honduras' Spieler stürmten auf Schiedsrichter Ricci zu. Die Regie hatte auf der Stadionleinwand zwei Szenen abgespielt: Zunächst den Moment, als der Ball an den Innenpfosten gesprungen war: "No Goal" blinkte auf der Anzeige. Dann die Szene, in der Honduras' Torhüter den Ball hinter die Linie bugsierte: "Goal". Trainer Suarez glaubte wohl, dass ihm zwei Urteile zu derselben Szene vorgeführt worden waren, sagte er doch später: "Erst kein Tor, dann Tor, an welche Wahrheit soll ich denn glauben?" Frankreichs Benzema ergänzte: "Ich weiß nicht, ob solch eine Technologie gut für den Fußball ist."

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Die Fifa sah sich genötigt, Funktionäre und das Volk am Tag danach mit einer Gegendarstellung zu besänftigen. Grundsätzlich produziere GoalControl immer dann eine Animation, wenn der Ball weniger als 30 Zentimeter von der Torlinie entfernt ist, heißt es dort. Springt der Ball mehrmals durch diese Zone, gebe es entsprechend viele Animationen. Der Regisseur der TV-Produktionsfirma kann dann auswählen, welche Szenen er im Stadion beziehungsweise im Fernsehen abspielt. Im Fall vom Sonntag wählte er beide Szenen aus, den Pfostentreffer und den Moment, als der Ball die Linie überschritt.

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Die Fifa teilte umständlich mit: "Um für noch größere Klarheit zu sorgen, wird die Fifa die Berichterstattung von dieser Partie zusammen mit dem Produktionsteam und der GoalControl GmbH analysieren, um zu ermitteln, welche Möglichkeiten es gibt, die Darstellung für die Fans weiter zu verbessern." Sprich: In Zukunft könnte die Regie wohl nur die strittigste Szene einblenden.

Die suboptimale Regieauswahl verstellte zunächst den Blick darauf, dass die Torlinientechnik bei ihrer Premiere im Grunde überzeugte. Schiedsrichter Ricci entschied dank technischer Assistenz binnen einer Sekunde auf Tor. Verbucht man die folgenden Diskussionen unter der Rubrik "Startschwierigkeiten", bleibt ein schnelles, fehlerfreies Urteil übrig.

"Kommt etwas Neues, herrscht erst einmal Konfusion"

Ohne Technik hätte sich auf dem Rasen vermutlich ebenfalls ein Diskurs entsponnen, ob der Ball nun im Tor war oder nicht. Die Diskussion hätte sich in diversen Analyse-Runden auf allen Kanälen fortgesetzt. Stattdessen überwogen später Lob und Wohlwollen: Die Torlinientechnologie sei eine "sinnvolle Einführung" , sagte Frankreichs Trainer Didier Deschamps. "Es ist doch immer so, wenn etwas Neues kommt, dass erst einmal Konfusion herrscht", beschwichtigte sein Stürmer Antoine Griezmann. Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Urs Meier sagte: "Da sind die Schiedsrichter froh, dass wir endlich diese Technologie haben. Bravo Fifa."

Es ist schon kurios, dass der Fußball-Weltverband und sein Regel-Komitee, letzteres an sich so progressiv wie die CSU bei der sogenannten Homo-Ehe, für - längst fälligen - technischen Fortschritt nun Lob einsammeln. Und die Bundesliga-Klubs? Verharren nach ihrer Entscheidung gegen das Hilfsmittel weiter in der Technik-Steinzeit. Die Torlinien-Debatten in der kommenden Bundesliga-Spielzeit dürften nach der aktuellen WM umso absurder anmuten. Dabei sitzt der Lieferservice der Fifa-Tortechnik im eigenen Land: in Würselen bei Aachen.

Mit Material vom Sportinformationsdienst.

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