Todestag von Robert Enke Normalität um jeden Preis

In dieser stillen Nacht vor einem Jahr war allen klar: Der tragische Suizid des Nationaltorhüters Robert Enke wird den Profifußball verändern. Doch es ist anders gekommen.

Von Ralf Wiegand

Diese Nacht schien geeignet zu sein, alles umzustoßen, was bisher galt. In rasender Stille verbreitete sich die Nachricht vom Tod Robert Enkes; wo sie eintraf, schwiegen die Menschen. Traurigkeit trieb sie aus ihren Häusern und hinaus auf die Plätze, die bald voll waren von lauter stillen Menschen, und alle zusammen wurden sie noch stiller. Man stand mitten unter ihnen und hörte den Nieselregen flüstern. Was kann schon so viele Menschen zum Schweigen bringen, wenn nicht das vollkommen unerwartete, das nicht fassbare, das alles in Frage stellende Ereignis? Das Fußballgeschäft würde nie wieder dasselbe sein, das war das Gefühl in dieser einen, stillen Nacht vor einem Jahr.

Ein Gefühl, das trog.

Es sind viele Diskussionen angestoßen worden damals, als bekannt wurde, dass der unter Depressionen leidende Nationaltorwart Robert Enke, 32, seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Es spielt dabei keine Rolle, warum er krank geworden war, dafür musste, konnte, sollte niemand im Fußball die Verantwortung übernehmen. Aber dass er mit seiner Krankheit nicht aus sich heraus konnte, dass er fürchtete, allein die Kenntnis davon würde reichen, seine Karriere zu beenden, darüber musste gesprochen werden. Wie schwach darf jemand sein in einem Geschäft, in dem nur die Stärksten erfolgreich sind?

Jetzt, ein Jahr später, gibt es nicht nur kein Ergebnis dieser Debatte; es ist sogar verdammt schwer, sich zu erinnern, wann die Debatte aufgehört oder ob sie überhaupt jemals wirklich begonnen hat. Über die Feststellung, dass es Tabus im Profifußball gibt - zu denen übrigens immer Depression und Homosexualität gezählt werden, als seien das verwandte Krankheiten wie Husten und Schnupfen - ging die Beschäftigung mit Enkes Tod innerhalb der Branche nicht hinaus. "Es sterben täglich Menschen. Aber die Arbeit muss weitergehen", hat Martin Kind, Präsident von Enkes Verein Hannover 96, im Sommer gesagt. Das war eine schöne Zusammenfassung.

Auf keiner Seite des Zaunes hat sich Wesentliches verändert. Im Innenraum des Stadions stehen sich Woche für Woche die Eliten ihrer Klubs gegenüber, jene, die in den Tagen vor den Spielen besser waren als ihre Kollegen. Die anderen werden bestenfalls auf der Bank sitzen und im schlimmsten Fall entlassen. So hat es 1860 München gemacht, als der Spieler Savio Nsereko plötzlich verschwand, spurlos und ohne Abmeldung.

Er habe sportlich ohnehin keine Rolle mehr gespielt, hieß es, und als man den jungen Mann, 21, dann endlich persönlich am Telefon hatte, teilte man ihm die fristlose Kündigung mit. "Wir verfolgen unsere konsequente Linie", sagte 1860-Geschäftsführer Robert Niemann. Zum Zeitpunkt seiner Entlassung war der Aufenthaltsort von Nsereko noch immer unbekannt. Danach konnte es dem Verein egal sein.

Auf der anderen Seite des Zauns, unter den Fans, war das Urteil über Nsereko, der bei der U19-Europameisterschaft für Deutschland aufgelaufen und zum besten Spieler des Turniers gewählt worden war, ohnehin schnell gefällt. Vom Tod des Halbbruders in Uganda war die Rede, von Schulden, aber was zählte, war das, was etwa der User "marley" im Forum löwenfreun.de postete: "schmeißt ihn raus egal ob da was dran ist oder nicht. (...) das kommt halt letztendlich dabei raus wenn man kinder mit geld zuschmeißt. noch nie was geleistet (...) aber nen r8 vor der tür." Andere Fans, die zum vorsichtigen Umgang mit dem Fall Nsereko mahnten und sogar an Robert Enkes Tod erinnerten, aus dem wohl niemand etwas gelernt habe, bekamen zu hören: "Seid ihr die heimlichen Liebhaber von ihm und wollt nix negatives lesen?"

Die Stille der Nacht, der Augenblick des Innehaltens, war schneller vorbei, als die größten Pessimisten es je für möglich gehalten hätten. Schon vier Wochen nach Enkes Tod saß Markus Babbel, kurz nachdem er als Trainer des VfB Stuttgart entlassen worden war, vor der versammelten Presse und drückte sein Entsetzen darüber aus, mit welchem Hass das Publikum seinen Spielern zuvor begegnet war. Die Fans und der Fußball hätten nichts gelernt. Die Reaktionen auf den Tod von Robert Enke, die Bekenntnisse, künftig besser aufeinander aufzupassen - für Babbel war das "alles Heuchelei".

"Eine ganze Menge Heuchelei"

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