Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über Glaubensfragen im Derby, seine glückliche Kindheit als Dortmunder und die Irrationalität von Rivalitäten.
SZ: Herr Watzke, Sie sind zwar Geschäftsführer von Borussia Dortmund, aber als Sauerländer haben Sie eigentlich keine Ahnung von den Abgründen zwischen Dortmund und Schalke.
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Watzke: Wissen Sie was: Das Gegenteil ist der Fall. Im Sauerland sind Sie damit viel stärker konfrontiert als in Dortmund selbst.
SZ: Tatsächlich?
Watzke: Im Sauerland gehen die Risse durch jede Familie, durch jeden Betrieb, durch jede Kneipe, durch jeden Dorfverein. Überall haben Sie sowohl Dortmunder als auch Schalker. In Dortmund werden Sie sehr selten einen Querulanten treffen, der für Schalke ist. Im Sauerland haben Sie es als BVB-Fan dagegen täglich mit Schalkern zu tun.
SZ: Ihr Vater ist aber kein Blauer?
Watzke: Ich habe das mit dem BVB von meinem Vater geerbt, wie das ja im Übrigen bei den meisten läuft. Mein Vater ist Bochumer und hat nach seiner Maurerlehre dann in Hagen studiert, was schon eindeutig Dortmunder Hoheitsgebiet ist. Er ging also immer ins alte Stadion Rote Erde. Deshalb war ich von der Geburt her für Dortmund. Ich habe auch sonst eine glückliche Kindheit gehabt, denn lediglich mein Patenonkel und ein Schwager schlagen etwas aus der Art. Aber die sind Bayern-Anhänger und keine Schalker.
SZ: Viele fragen sich, wo eigentlich der große Unterschied liegen soll. Manche sagen, Dortmund sei feiner und etwas bürgerlicher, Gelsenkirchen noch stärker ein proletarischer Klub. Können Sie das mal erklären?
Watzke: Beide Klubs stammen schon sehr aus dem Arbeitermilieu. Dass die Borussia anders rüberkommt, liegt wohl eher an den Städten. Dortmund ist eine richtige Großstadt mit extrem viel Grün, Gelsenkirchen hat nicht die Hälfte der Einwohner und wirkt industrieller. Aber beide Vereine halten die alten Arbeiterwerte hoch. Die Solidarität, die der BVB von seinen Anhängern in den schweren letzten Jahren erfahren hat, die kommt genau da her. Egal, wie dreckig es uns ging, die 80000 sind trotzdem immer ins Stadion gekommen.
SZ: Wenn sich beide so ähnlich sind: Was soll dann das Theater?
Watzke: Das ist wie mit Glaubensfragen. Es liegt im Irrationalen. Bei uns im Sauerland, wo es fast nur Katholiken gibt, ist es der Ersatz für den fehlenden Glaubensstreit. Aber mal im Ernst: Menschen brauchen was Irrationales und sie brauchen gewisse Rituale. Gerade in Zeiten, wo die Rationalität alle Lebensbereiche bestimmen will.
SZ: Wenn man in eine Schalke-Dynastie geboren wird, hat man Pech gehabt, weil man dann lebenslang mit diesem ererbten Glauben lebt?
Watzke: Oder umgekehrt. Ich habe es in all den Jahren nur einmal erlebt, dass der Sohn eines Hardcore-Schalkers sich losgesagt hat und zu uns gewechselt ist. Dazu muss ich mal Folgendes sagen: Es gibt ja überall im Lande auch Bayern-Anhänger. Die machen es sich leicht, denn sie sind abonnierte Gewinner. Wenn was Schlimmes passiert, wie in dieser Saison, dann werden sie halt mal Vierter. Als Anhänger von Schalke oder Dortmund lotet man aber alle Gefühle aus. Es gibt höchste Höhen und tiefste Täler. Tiefer als bei unserem Finanzkollaps vor ein, zwei Jahren geht es allerdings nicht mehr.
SZ: Ist das Derby nicht eine große Inszenierung zum Vorteil beider Klubs?
Watzke: Im weitesten Sinne sind wir alle Teil einer Unterhaltungsbranche. Aber nur im weitesten Sinne. Natürlich wünschen wir uns, dass Schalke immer in der Bundesliga spielt, weil sich aus dieser Rivalität auch viel Ansporn ergibt.
SZ: Unter uns: Riskieren Sie nicht Ihren Job, wenn Sie weiter so verständnisvoll über Schalke reden? Die BVB-Fans haben schon ein Komitee gegründet, weil 2008 eine große Fete ,,Schalke - 50 Jahre nicht mehr Meister'' steigen soll.
Watzke: Vor zwei Wochen haben wir Herbert Sandmann beerdigen müssen, der Mitglied in den BVB-Meistermannschaften von 1956 und 1957 war. Sandmann war lange in unserem Ältestenrat tätig - aber er hat auch mal zwei Jahre in Schalke gespielt, was er immer als Jugendsünde begriffen hat. Die Schalker haben einen Kranz geschickt. Ich finde, das dokumentiert den Respekt, den wir voreinander haben sollten. Rivalität ist gut, aber wenn Schalke nach 34 Spieltagen die meisten Punkte hat, dann sollten wir die ersten Gratulanten sein.
SZ: Ehrlich, wir sehen schwarz für Ihre Zukunft beim BVB.
Watzke: Ich habe mein erstes Derby 1976/77 im Westfalenstadion gesehen. Seitdem habe ich keins mehr in Dortmund verpasst. Auf Schalke habe ich einige Spiele ausgelassen, weil man da als BVB-Fan einfach nicht gerne hingeht. Also: Ich muss mir von niemandem erklären lassen, was ein Borusse ist.
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