Vor dem kleinen Finale wird diskutiert: Soll Klinsmann Oliver Kahn für Jens Lehmann ins Tor stellen? Vor allem: Wäre es eine Ehre oder eine weitere Demütigung für Kahn?
Die großen Gesten dieser Weltmeisterschaft blieben einem vorbehalten, der nicht als Protagonist in diesem wunderbar inszenierten Stück deutscher Fußballgeschichte eingeplant war. Statist sollte er sein, Herbergsvater, der gute Geist.
Die WM der großen Gesten: Kahn und Lehmann nach dem Viertelfinale. (© Foto: ddp)
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Im Viertelfinale wurde das Märchen zum Improvisationstheater, als sich Oliver Kahn auf die große Bühne wagte - zuvor war er regelmäßig dem Schlussapplaus fern geblieben - und Jens Lehmann auf die Schulter klopfte. Nach dem Halbfinale dann die zweite Geste von Bedeutung: Einer der ersten, die auf den enttäuschten Lehmann zugingen, umarmten, ihm Mut zusprachen: Oliver Kahn.
Nun entbrennt vor dem finalen Akt dieses Sommernachtstraums eine Diskussion unter deutschen Anhängern: Soll im Spiel um Platz drei Oliver Kahn zwischen den Pfosten stehen und sich feiern lassen? Lehmann hat seine Bereitschaft signalisiert. Und: Auch beim letzten kleinen Finale 1970 hatte Sepp Maier seinem Kollegen Horst Wolter den Vortritt gelassen.
Keine Frage: Oliver Kahn hätte die Nominierung verdient. Er hat sich vorbildlich verhalten, in jedem Training Gas gegeben. Die Fans würden ihn feiern. Und für Jens Lehmann wäre es die Gelegenheit, sich mit einer großen Geste zu revanchieren.
Dennoch muss man sich fragen, ob es nicht eher eine zweifelhafte Ehre für Kahn wäre, wenn ihm dieses Angebot überhaupt gemacht würde. Wäre es nicht eher eine Demütigung, den Helden von 2002 in einem eher unbedeutenden Spiel einzusetzen? Und dann auch noch von Lehmanns Gnaden?
1970 war das anders: Da war Sepp Maier die Nummer eins im deutschen Tor. Der Einsatz von Wolter - gleichzeitig dessen letztes Spiel im Dress der deutschen Elf - war ein Dankeschön an den Torhüter von Eintracht Braunschweig. Ein Angebot an Kahn wäre zwar ebenfalls eine Danksagung, nach der Vorgeschichte dennoch mit einem Beigeschmack behaftet.
Jürgen Klinsmann muss sich nun intern mit Oliver Kahn und Jens Lehmann zusammensetzen. Nichts davon darf öffentlich gemacht werden. Denn sonst werden sowohl Kahn als auch Lehmann in eine Situation gebracht, aus der beide als Verlierer hervorgehen könnten.
Kahn muss für sich entscheiden, ob es für ihn Ehre oder Demütigung wäre, aufzulaufen. Lehmann muss klarstellen, dass es kein Akt der Gnade oder des Mitleids ist. Auch öffentlich. Und Regisseur Klinsmann muss entscheiden, was im Sinne des Fußballfestes - und ein solches ist am Samstag geplant - das Beste für die Mannschaft ist.
Erst dann sollten die drei die Entscheidung verkünden. Unisono. Und dann kein Wort mehr darüber verlieren.
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