Tischtennis-WM in Dortmund Die Ruhe nach dem Putsch

Die deutschen Tischtennis-Frauen haben sich bei der Weltmeisterschaft von ihrem ungeliebten Trainer Jörg Bitzigeio befreit - aber bringt weniger Strenge auch Erfolg? Am Donnerstag bestreiten die deutschen Spielerinnen ihr Achtelfinale. Wenn sie es verlieren und ausscheiden, ist ihr Mannschaftsstart bei Olympia in Gefahr.

Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Es ist eine Geschichte wie aus einem Groschenroman: Fünf junge Frauen, die unter der Knechtschaft eines zähen Despoten leiden, befreien sich aus der Unterdrückung und blühen derart auf, dass sie einen lyrischen Wettbewerb beginnen und sich gegenseitig Gedichte widmen. Weil es hier aber um Tischtennis geht, würde diese Geschichte erst mit einem überraschenden Medaillengewinn am kommenden Wochenende so richtig rund werden.

"Die Stimmung ist jetzt durchweg gut": Bundestrainerin Jie Schöpp mit Jiaduo Wu, Zhenqi Barthel und Sabine Winter (von links) bei der WM in Dortmund.

(Foto: dpa)

Lachend und albernd saßen die fünf Spielerinnen der deutschen Tischtennis- Nationalmannschaft zu Beginn der Mannschafts-WM in einer Pressekonferenz. Kristin Silbereisen und Sabine Winter gaben Reime zum Besten, die sie aus purem Vergnügen und als eine Art lyrisches Duell füreinander auf ihre Internetseiten geschrieben hatten.

Die Revolte, die vor sieben Wochen zur Trennung vom ungeliebten Trainer Jörg Bitzigeio führte, hat offenbar keinerlei Spuren hinterlassen. "Die Stimmung ist jetzt durchweg gut", betont die Aktivensprecherin Silbereisen, "es gibt keine Streitereien mehr, keine Diskussionen über Technik oder so." Die Spielerinnen haben sich durchgesetzt in einem Machtkampf.

Bis Ende Januar hatten die deutschen Nationalspielerinnen ihren Trainingsalltag im Düsseldorfer Leistungszentrum scheinbar als überzogene Schinderei wahrgenommen. Ihr Bundestrainer Bitzigeio, 35, wollte die Mannschaft in die Weltspitze führen und hatte dabei offenbar nicht verstanden, dass die Spielerinnen gar nicht willens waren, für seine Vision einen Großteil ihrer Zeit und Kraft zu opfern. Sie beschwerten sich über die hohen Anforderungen und einen allzu rauen Umgangston beim Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bunds.

Dirk Schimmelpfennig beschnitt daraufhin Bitzigeios Kompetenzen derart, dass der Ratinger sechs Wochen vor Beginn der WM hinschmiss. Doch erst als das Tischtuch zerschnitten war, räumte Bitzigeio ein: "Vielleicht war ich zu forsch, vielleicht zu dominant und zu sehr überzeugt von meinem Konzept." Am Mittwoch saß er in der Westfalenhalle auf der Tribüne und sah seiner früheren Mannschaft bei ihrem 3:2-Sieg im letzten Gruppenspiel gegen Serbien zu.

Nun herrscht Ruhe bei den Frauen. "Jetzt konzentrieren sie sich wieder ausschließlich auf das Sportliche, und das brauchen wir auch, weil die WM auch so schon schwer genug ist", sagt Sportdirektor Schimmelpfennig. An diesem Donnerstag bestreiten die deutschen Spielerinnen ihr Achtelfinale, Gegner ist Nordkorea, im Viertelfinale am Freitag würde Titelverteidiger Singapur warten.

Scheiden die Deutschen am Donnerstag aus, ist ihr Teamstart bei Olympia in Gefahr. Gewinnen sie, ist die London-Teilnahme so gut wie geschafft. So dicht liegen Erfolg und Misserfolg manchmal beieinander, und so dicht liegen nun auch die Antworten auf die Frage beieinander, ob Bitzigeios Abschied vor allem für die mittelfristige Perspektive der deutschen Tischtennisfrauen richtig war oder nicht.