Timo Hildebrand Teufelskerl mit Zauberhandschuhen

Meister, Bundesliga-Rekordhalter, Kinderbuchautor: Timo Hildebrand beendet mit 37 Jahren seine Karriere - in der er zwei unglückliche Entscheidungen fällte.

Von Matthias Schmid

Wer mit dem VfB Stuttgart sympathisiert, kennt Christoph Dabrowski. Ohne diesen kernigen Mittelfeldspieler polnischer Herkunft hätte der VfB 2007 niemals die Meisterschaft errungen. Und die kleine feine Anekdote über Dabrowski lässt sich natürlich nicht ohne Timo Hildebrand erzählen - ohne dessen wundersame Parade gegen Dabrowski am vorletzten Spieltag in Bochum. Manchmal verdichtet sich eine lange, wechselvolle Karriere auf einen einzigen Moment.

Hildebrand war damals auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft: austrainiert, reaktionsstark und mit sich im Reinen. Der VfB führte kurz vor Schluss mit 3:2, als Hildebrand sich wie ein exzentrischer Handballtorwart in den Schuss aus zwei Metern warf. Der Ausgleich hätte eine Woche später wohl dem FC Schalke und nicht den VfB zum Titel verholfen. Deshalb brüllte der damals 28-Jährige danach so laut und ausdauernd wie es sonst nur Oliver Kahn vermochte.

Hildebrand war "schon ein richtig guter Torhüter", lobte der damalige VfB-Trainer Armin Veh hinterher. "Ein Teufelskerl", wie sein Mitspieler Mario Gomez fand. Aber er war nicht gut genug, um noch mehr Titel zu gewinnen als den spanischen Pokal mit dem FC Valencia. Oder neue Rekorde zu überbieten - er hält in der Bundesliga die Bestmarke mit den meisten Minuten ohne Gegentor (884 Minuten). Vielleicht war der in Worms geborene Hildebrand auch einfach nicht gut beraten, wie manche vermuten. Vielleicht hätte er nach der Meisterschaft beim VfB einfach nur einen Vertrag bis zur Rente unterschreiben müssen. Ein solches Arbeitspapier lag ihm vor.

Doch Hildebrand suchte nach zwölf Jahren im Klub das Abenteuer, wie er heute sagt. Er wollte etwas anderes erleben, ein neues Land, eine neue Sprache kennen lernen. Doch er lernte stattdessen den Albtraum eines Fußballers kennen: Im Machtkampf gegen Valencias Klublegende Santiago Canizares hatte er das Nachsehen. "Natürlich hätte ich mir ein paar Dinge erspart und vielleicht noch ein bisschen mehr erreicht. Aber unterm Strich würde ich eine 2,5 geben", erzählt Hildebrand, der sieben Mal in der Nationalmannschaft auflief und bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land als dritter Torhüter dabei war.

Vielleicht schreibt Hildebrand ein Kochbuch

"Die unglücklichste Entscheidung", gibt Hildebrand im Kicker zu, die er getroffen habe, sei aber nicht sein Wechsel nach Valencia gewesen, sondern der im Jahre 2010 nach Hoffenheim. Er hatte damals auch ein Angebot vom Borussia Dortmund vorliegen. Doch statt der möglichen Meisterschaft mit dem BVB folgte nach öffentlicher Vereinskritik der Rausschmiss im Kraichgau. Lissabon, Schalke und Frankfurt waren die nächsten Stationen. Dazwischen schrieb er ein Kinderbuch. Es geht um einen Jungen, der viele Tore schießen wollte, bis er eines Tages von seinem Vater Zauberhandschuhe mit magischen Kräften geschenkt bekommt.

Am Dienstag gab Timo Hildebrand nach 301 Bundesligaspielen sein Karriereende bekannt, nachdem er bis zuletzt auf ein Engagement in den USA gehofft hatte. Doch seine im April 2015 operierte Hüfte ließ das nicht zu. Der 36-Jährige soll nun für eine Stuttgarter Kommunikationsagentur arbeiten, Hildebrand kann sich für seinen neuen Lebensabschnitt aber auch andere Dinge vorstellen. Auch ein neues Buch. "Vielleicht ein Kochbuch", wie er dem Kicker verrät. Zeit dazu hat er.

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