Tim Walter im SZ-Interview "Langfristiger Erfolg geht nur mit mehr Ballbesitz"

Man hat den Eindruck, dass der FC Bayern mehr als je zuvor Personalentscheidungen nach früherer Klubzugehörigkeit fällt. Hasan Salihamidzic ist Sportdirektor, Niko Kovac wird Trainer, Miroslav Klose übernimmt die U17. Ist das komisch für jemanden wie Sie, ohne Erfahrung als Profifußballer und FCB-Vergangenheit?

Nein, so hat halt jeder Verein seine eigene Identität. Ich weiß, dass ich ein guter Trainer bin, das habe ich unter Beweis gestellt. Wenn dann die Vereinsspitze entscheidet, dass sie lieber einen ehemaligen Profi an der Seite stehen hat, ist nicht meine Sache.

Der Verein soll auf der Suche nach Ihrem Nachfolger bei Mehmet Scholl angefragt haben, bevor feststand, dass U17-Trainer Holger Seitz die U23 übernimmt. Das wirkte wie eine Kehrtwende - vom jungen Trainer ohne Erfahrung zu Deutschlands größtem Junge-Trainer-Kritiker.

Ich habe zu Mehmet ein sehr gutes Verhältnis. Wir sind im Austausch miteinander, er hat mir beispielsweise nach dem Derbysieg gegen den TSV 1860 emotional gratuliert, was mich sehr gefreut hat. Es liegt ja für einen Klub auf der Hand, dass man einen Freund bittet, in der Not einzuspringen.

In der Not?

Wenn du keinen Trainer hast, musst du halt gucken, dass du einen bekommst, den man aus nächster Nähe kennt und einschätzen kann. Langfristig und strukturell zu arbeiten, ist dann etwas anderes.

Trainer wie Sie, die in der Jugend Erfolge feiern, sind scheinbar gerade sehr gefragt im Profifußball.

Wenn du einen Cheftrainer suchst, und du hast eine gute Nachwuchsausbildung, ist es ja ganz wichtig, dass du einen nimmst, der auch eine Affinität für den Jugendfußball hat. Julian Nagelsmann oder Christian Titz sind gute Beispiele. Ich sehe mich ja auch als Ausbilder. Und ich glaube, dass ich weiß was nötig ist, um es als Profi zu schaffen.

Und das wäre?

Fußballerische Klasse und Mentalität. Das wichtigste ist Charakter. Der Wille, sich täglich zu verbessern. Mit Spaß, Freude und Enthusiasmus an die Sache ranzugehen. Es ist für mich als Trainer auch wichtig, eigene Kinder zu haben. Seit ich selbst Vater bin (seit neun Jahren, d. Red.), weiß ich: Was für meine eigenen Kinder wichtig ist, darauf legen auch meine "Spieler-Kinder" Wert.

Was bei Ihren Spielen in der Regionalliga auffiel, ist ein mutiger Stil, viel Ballbesitz, gegen den Trend im deutschen Fußball.

Ich würde keinem Kollegen in die Suppe spucken, jeder hat seinen Ansatz. Aber in der Natur des Menschen liegt es nicht, dass er dem Ball hinterherläuft, sondern dass er mit dem Ball spielt. So ist auch meine Trainingsarbeit ausgelegt. Und wenn ich den Ball nicht habe, will ich ihn so schnell wie möglich wiederhaben. Es ist schwieriger, mit dem Ball als gegen den Ball zu spielen. Langfristiger Erfolg geht nur mit mehr Ballbesitz.

Woher kommt Ihr Selbstbewusstsein? Dadurch, dass Sie schon Angebote haben?

Das wird am meisten dadurch geprägt, wie meine Mannschaften agieren.

Was sagen Sie den Sportdirektoren, die aufgrund Ihrer mangelnden Profi-Erfahrung vielleicht skeptisch sind?

Viele Vereine setzen mehr auf die Jugend. Wenn sie langfristig was erreichen wollen, können sie nicht nur mit alten Spielern starten. Dann ist es wichtig, Jungs in die Mannschaft einzubinden. Das habe ich immer gemacht. Ich habe alles erlebt, was der Jugendfußball hergibt und freue mich nun auf einen Verein, der mir das Vertrauen schenkt, mit frischem, mutigen Fußball die Spiele anzugehen.

Domenico Tedesco, 32, hat beim FC Schalke 04 auch ältere Spieler wie Naldo von sich überzeugt. Trauen Sie sich das auch zu?

Natürlich. Es geht ja um zwischenmenschliche Beziehungen, um Empathie. Das ist der entscheidende Aspekt. Ein erfahrener Spieler weiß, wenn er einem jüngeren Trainer gegenübertritt: Der hat noch nichts erreicht. Dann geht es darum, ihn mit Qualität zu überzeugen. Du musst ihm erklären, was du von ihm willst und wie du ihn besser machen willst. Und du musst dazu stehen, nicht beim nächsten Wind umfallen. Es geht um eine Vertrauensbasis.

Jetzt müssen Sie also nur noch einen Profiklub suchen.

Ich suche nicht. Die Vereine suchen mich (lacht).

Mia san spät dran

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