THW Kiel unterliegt Flensburg Hoffnung für ein geschundenes Handball-Land

Geschlagen in Flensburg: Jacob Heinl jubelt, der THW Kiel ist besiegt.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Ende der endgültigen Dominanz? Nur wenige Tage nach der überraschenden Niederlage gegen Melsungen verliert Rekordmeister THW Kiel auch das Nordderby gegen Flensburg-Handewitt. Der Rest der Liga hat aufgeholt - und kann die Übermannschaft an sehr guten Tagen tatsächlich schlagen.

Von Carsten Eberts

Manche Worte wurden lange nicht mehr über den THW Kiel geschrieben; sie kamen im Wortschatz der Handball-Berichterstatter des Landes schlichtweg nicht vor. "Flensburg entzaubert Meister Kiel", hieß es kurz nach dem Schlusspfiff bei Sport 1, von einem "Debakel" war gar bei den Kieler Nachrichten zu lesen. Wann hatte es dergleichen zuletzt gegeben?

Worte wie diese waren über anderthalb Jahre schlichtweg unnötig, weil Kiel kein Spiel verlor. Nun ist es passiert - zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage. In einem mitreißenden Nord-Derby am zweiten Weihnachtsfeiertag verlor Kiel verdient 29:35 bei der SG Flensburg-Handewitt, nur 17 Tage nach der überraschenden Heimpleite gegen MT Melsungen. Kiel verliert plötzlich Spiele in der sonst so einseitigen Handball-Bundesliga.

Endlich, möchte man sagen, ohne den Kielern dabei zu nahe zu treten. 101:1 Punkte in Serie hatte der THW bis zum Dezember geholt, spielte dabei mit 68:0 Punkten in der vergangenen Saison eine perfekte Spielzeit. Hinzu kamen weitere Siege in DHB-Pokal und Champions League, wo Kiel am Ende jeweils den Titel holte. Auch der Blick nach Flensburg ist aufschlussreich: Über fünf Jahre lang, 14 Spiele in Serie hatte der nördlichste Bundesligist der Republik nicht mehr gegen den großen Konkurrenten gewonnen. "Wir haben von der ersten bis zur 60. Minute das Spiel kontrolliert", jubilierte Flensburgs Trainer Ljubomir Vranjes diesmal, "das schaffen nicht viele Mannschaften in der Welt."

"Das normalste auf der Welt"

Die Kieler hatten sich mit der neuen Situation schnell akklimatisiert, und akzeptierten die Niederlage widerspruchlos. "Als Sportler muss man auch die Leistung der anderen anerkennen können", befand Rückraumspieler Filip Jicha. Auch sein Trainer Alfred Gislason sagte: "Wenn man beim Tabellendritten der Handball-Bundesliga nicht gut spielt, ist es das normalste auf der Welt, wenn man dieses Spiel verliert."

Tatsächlich? Im vergangenen Jahr hätte Kiel auch jedes noch so unglückliche Spiel noch gedreht. Ein kurzer Zwischenspurt zu Beginn der zweiten Halbzeit, die Verhältnisse kurz zurecht gerückt. Diesmal hatte Kiel den Flensburgern nichts entgegenzusetzen. Es ist vielleicht das Ende der absoluten Kieler Dominanz: Der Rest der Liga hat aufgeholt, kann die Übermannschaft an sehr guten Tagen tatsächlich schlagen. Für die geschundene Bundesliga, die so lange unter der sportlichen Einseitigkeit litt, ist das die beste Nachricht seit langem.