Theo Zwanzigers Zeit als DFB-Chef Turbulenter Sturmlauf ins Abseits

Nach fünf wechselhaften Jahren übergibt Theo Zwanziger das Amt des DFB-Präsidenten an diesem Freitag an Wolfgang Niersbach. Zwanzigers Ägide ist geprägt von vielen Worten und einigen fragwürdigen Entscheidungen. Vor allem seine Nähe zum Boulevard warf immer wieder Fragen auf. Jetzt warten neue Aufgaben im Fifa-Vorstand.

Von Thomas Kistner

"Ich bedaure sehr", sagte Gerhard Mayer-Vorfelder jüngst dem Fachblatt Kicker, "dass Theo Zwanziger aufhört." Ausgerechnet "MV" bricht die letzte Lanze für den Mann, der 2004 als Chefrebell der Fußballbasis gegen ihn angetreten war, um den Deutschen Fußball-Bund wieder auf Kurs zu bringen. Damals verkörperte Zwanziger den Gegenentwurf zu MV; der Bruch zwischen den beiden, die sich das Präsidentenamt als bizarre Doppel-Spitze bis zur WM 2006 im eigenen Land teilen mussten, war evident.

Heute illustriert ihr großer Gleichklang, wie sehr sich Zwanziger über die Amtsjahre durch die Spektren bewegte. Am Freitag, wenn ihn Wolfgang Niersbach ablöst, blickt er auf eine Ägide zurück, die turbulenter war als jede zuvor - nicht im sportlichen Bereich, sondern auf der höchsten Verbandsebene. Dort ging öfter Endspielstimmung um als auf dem grünen Rasen.

Zwanzigers Auszug aus seinem Chefbüro vor Wochen, inmitten einer Vorstandssitzung, passt ins Bild eines recht ungeordneten Rückzugs, der den Eindruck hinterlässt, dass der 66-jährige Jurist nicht wirklich hinwerfen, sondern zum Verbleib im Amt gedrängt werden wollte. 13 Wochen ist es ja erst her, dass Theo Zwanziger die Fußballnation mit seinem Rücktritt überraschte. Bei einer Weihnachtsfeier Anfang Dezember eröffnete er Weggefährten und Mitarbeitern, sie sollten es als erste erfahren, dass er im Herbst 2012 abtreten wolle.

Dummerweise kannten viele im Saal bereits diese vertrauliche Ankündigung - von der Website der Zwanziger nahestehenden Bild-Zeitung. Dass sein Rückzug exklusiv auf dem Boulevard gelandet war statt auf der DFB-Website, half, ein Mysterium aufzulösen: Schon in den Amtsjahren zuvor waren öfter mal delikate Interna in die Regenbogenpresse gelangt.

Der letzte Mediencoup des Amtsmüden stärkte seine Glaubwürdigkeit so wenig wie die Behauptung, der Entschluss habe lange festgestanden, er sehe keine Herausforderung mehr im DFB-Amt. Bis kurz zuvor hatte Zwanziger Stabilitätserklärungen in eigener Sache abgegeben: "Warum sollte ich zurücktreten? Wir werden nächstes Jahr Europameister!"

Die Reaktion im DFB fiel nicht wie erhofft aus. Zwanzigers Wunsch-Nachfolger Erwin Staudt wurde schlichtweg ignoriert, "ein vom Ex-Präsidenten ferngesteuerter Nachfolger", sagte ein Topfunktionär, "ist das Letzte, was der DFB braucht". Es folgten Sofortmaßnahmen: Niersbach, der Generalsekretär, den Zwanziger mit der Personalie Staudt ein letztes Mal düpiert hatte, wurde zum Nachfolger ausgerufen - und bis Oktober wollten die Funktionäre auch nicht mehr warten. Widerstrebend lenkte Zwanziger ein, den Chefsessel im März zu räumen. Insider sagen, man habe eingedenk der präsidialen Wetterwendigkeit bis zuletzt um den Beschluss gebangt.

Theo Zwanziger wird am Freitag beim DFB-Sonderkonvent in Frankfurt mit Applaus verabschiedet, doch echte Parteigänger sind ihm kaum geblieben. Es genügt, all die Affären und Affärchen anzutippen, die ihm die Amtszeit erschwert und am Ende verleidet haben. Da war der ungebremste juristische Sturmlauf gegen einen unbotmäßigen Journalisten.

Es folgte das Zerwürfnis um Zwanzigers per Boulevardblatt verkündete Vertragsverlängerung mit Joachim Löw, das in ein Ultimatum an den Bundestrainer mündete sowie in Verwerfungen, die erst auf sanften Druck des Kanzleramts beigelegt wurden. Zu registrieren war fortan Zwanzigers Abseitsstellung beim Löwschen Nationalteam, aber auch der raue Umgang mit DFB-Mediendirektor Harald Stenger. Einer berauschenden WM 2010 in Südafrika folgte eine wochenlange Zitterpartie um die Frage, ob Löw und Co. im Amt bleiben würden.

Auch intern waren viele Fronten verhärtet. Bei der Deutschen Fußball Liga oder dem FC Bayern galt der wortstarke DFB-Chef bald als Reizfigur. Die Stimmungslage im Verband trübte der Schlagabtausch mit Rainer Koch, dem Chef der süddeutschen Verbände. Als Koch, ein Richter am Oberlandesgericht, im November entnervt das Ressort Recht gegen das für Freizeit/Breitensport eintauschte, während Zwanzigers Gefolgsmann Rolf Hocke, ein Nicht-Jurist, die Rechtsfragen übernahm, erreichte der Dauerkrach im DFB-Präsidium eine komische Höhe. Auch das wird nun bald revidiert.

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