Terror in Paris Stadion in Angst

Stadion in Angst

Frankreich gegen Deutschland - knapp 80 000 Menschen sehen im Pariser Stade de France zu. Dann sind Explosionen zu hören. Panik macht sich breit. mehr... Bilder

Frankreich gegen Deutschland - knapp 80 000 Menschen sehen im Pariser Stade de France zu. Dann sind Explosionen zu hören. Panik macht sich breit.

Von Thomas Hummel, Paris

Der Menschenzug in Richtung Gare de La Plaine-Stade de France zog leise dahin. Der Stadionsprecher hatte durchgesagt, dass nun alles in Ordnung sei und die Zuschauer bitte ruhig und frei von Panik zur RER, der Pariser S-Bahn, gehen könnten. Doch sicher fühlte sich niemand. Viele blickten beklommen und erschrocken umher. Grundschüler wurden vor dem Stade de France von ihren Betreuern hektisch versammelt, sie sollten sich in Zweierreihe aufstellen und den Vordermann an der Schulter fassen. So liefen sie los und wussten nicht, was da eigentlich passiert.

Das Fußballstadion im Pariser Vorort Saint-Denis sollte an diesem Freitagabend ein Ort des Sports sein. Es war ein Ort der Angst. Ein Tatort. Einer von vielen in einer Terrorserie, die Frankreich erschüttert.

Frankreich, der Gastgeber der EM im kommenden Jahr, hatte den Nachbarn aus Deutschland im Stade de France begrüßt, den Weltmeister. Nach etwa 20 Minuten erschütterte eine Explosion das Stadion. Wenig später war eine zweite zu hören.

Paris unter Schock

mehr...

Zurück ins Stadion - und direkt auf das Spielfeld

Nun werden Fußballspiele nicht selten von Donnerhall begleitet. Hooligans oder sogenannte Fans zünden bisweilen so laute Böller, dass das Stadiondach vibriert. Die Pariser Explosionen waren zwar extrem laut, doch wer wollte gleich an einen Terroranschlag denken? Zudem schienen sie außerhalb des Stadions zu sein. Im Innenraum ging das Spiel weiter wie zuvor. Bundestrainer Joachim Löw sollte später erklären: Als er den Knall gehört habe, habe er sofort an die Bombendrohung gedacht, die früher am Tag im Mannschaftshotel eingegangen war. "Ich konnte mir in etwa ausmalen, was das sein wird", fügte er hinzu.

Hinter den Eingängen zu den Tribünen waren nach der zweiten Explosion Sicherheitsleute zu sehen, die hektisch umherliefen. Langsam verfestigte sich der Eindruck, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Erst kursierten Gerüchte, dann folgten die ersten Informationen. Frankreichs Präsident François Hollande und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier wurden aus dem Stadion gebracht.

Nationalmannschaft landet nach Nacht im Stadion in Frankfurt

Das deutsche Team harrte wegen der Anschläge in Paris im Stadion aus. Wie die Länderspielreise weitergeht, ist unklar. Termine für Sonntag wurden abgesagt. mehr ...

Die anderen etwa 78 000 Zuschauer blieben drin und verfolgten weiterhin ein Fußballspiel. Von Minute zu Minute wurde das Stadion leiser. Die Informationen schienen sich zu verbreiten. Als die meisten schon Gewissheit hatten, dass in dieser Stadt gerade schlimme Dinge passierten, da schoss Frankreich das 2:0. Es war bizarr, wie Unwissende oder Fatalisten den Schützen mit Sprechchören feierten.

Nach dem Schlusspfiff kam die erste Durchsage. Wegen eines "incident extérieur" - eines äußeren Zwischenfalls - seien nur einige Ausgänge offen. Als die Zuschauer auf der Ostseite die Arena verlassen wollten, kam es zu einer Panik. Die Menschen strömten zurück in den Innenraum und dann direkt auf das Spielfeld. Auch Journalisten wurden aufgefordert, schnellstmöglich zurück ins Stadion zu laufen. Dort harrten die Menschen aus. Niemand wusste, ob akute Gefahr besteht.

Terrorserie mit mehr als 120 Toten

SZ Espresso Newsletter Auch per Mail bestens informiert: Diese und weitere relevante Nachrichten finden Sie - von SZ-Autoren kompakt zusammengefasst - morgens und abends im SZ Espresso-Newsletter. Hier bestellen.

Die Lage blieb etwa eine halbe Stunde unklar, ehe der Stadionsprecher die Zuschauer aufforderte, das Spielfeld und den Innenraum zu verlassen. Die Nachrichten in den Smartphones gaben indes keine endgültige Entwarnung. Kann man wirklich gefahrlos in die Stadt zurückfahren? So begab sich die Menge auf den Weg, beklommen und schreckhaft. Polizisten leuchteten mit Taschenlampen grell in die Menge hinein, was nicht unbedingt zur Beruhigung beitrug. Eine Gruppe deutscher Gäste blieb stehen, um sich zu sammeln und zu beraten, was nun zu tun sei. Da brüllte ein Polizist und bat darum, weiterzugehen. Die Menschen zuckten regelrecht zusammen.

Die Zeitung Le Monde berichtete in der Nacht, dass ein Fast-Food-Stand und ein kleines Restaurant rund um das Stadion Ziel der Anschläge waren, es soll mehrere Tote gegeben haben. Andere meldeten, es seien zwei Selbstmordattentäter gewesen, die versucht hätten, das Stadioninnere zu erreichen.

Insgesamt sollen bei der Terrorserie an mehreren Orten in Paris mehr als 120 Menschen getötet worden sein. Frankreich ist in dieser Nacht ein Land der Angst, nicht des Sports.

Die Entwicklungen zum Nachlesen

+++ Augenzeugen: Täter schossen minutenlang in Konzertsaal um sich +++ Viele Tote auch bei Angriffen auf Lokale +++ Hollande verhängt Ausnahmezustand +++ mehr...