Von Ulrich Hartmann

Gut zu spielen bedeutet nicht zwingend, dass man auch den letzten Punkt in einem Match macht: Philipp Kohlschreibers Mühen mit der Olympia-Norm.

Philipp Kohlschreiber sagt, dass er in den nächsten vier Wochen richtig gut spielen muss. Das ist keine ganz ungewöhnliche Ambition für einen professionellen Tennisspieler, aber bei Kohlschreiber liegt die Sache diesmal anders. Gut zu spielen bedeutet nicht zwingend, dass man auch den letzten Punkt in einem Match macht, und umgekehrt ist den Spielern meist egal, wenn sie zwar den letzten Punkt gemacht, aber nicht besonders gut gespielt haben. Für Philipp Kohlschreiber empfiehlt sich in den nächsten Wochen beides. Erfolg und Qualität sind zwei wichtige Kriterien in einem Selektionsverfahren, dessen Regeln Kohlschreiber selbst "nicht im Detail versteht". Klar ist bloß: Der 24-jährige Augsburger will im August beim olympischen Tennisturnier in Peking mitspielen, aber weil er die primären Qualifikationskriterien des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) bis zum Stichtag am Montag nicht hat erfüllen können, hofft er nun auf das Wohlwollen der Funktionäre und glaubt: "Zwei richtig gute Auftritte in Halle und Wimbledon würden mir helfen, das Tor nach Peking aufzustoßen."

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Tennis-Profi Philipp Kohlschreiber hofft noch auf eine mögliche Olympia-Teilnahme. (© Foto: AP)

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Kiefers Nominierung für Peking sicher

Es muss ein inniges Verhältnis besserverdienender Tennisprofis zum Treffen der Weltjugend geben, denn deutsche Profis schwärmen nicht nur in höchsten Tönen von der olympischen Atmosphäre und der Ehre, fürs Heimatland zu spielen, sie haben dort auch regelmäßig Medaillen gewonnen, obwohl sie der Weltspitze in deutlich lukrativeren Turnieren oft ein bisschen hinterherlaufen. Seit Tennis 1988 wieder ins olympische Programm gerückt ist, haben deutsche Spieler bei jedem Turnier mindestens eine Medaille gewonnen. Steffi Graf, Claudia Kohde-Kilsch, Michael Stich, Boris Becker, Marc-Kevin Göllner, David Prinosil, Tommy Haas, Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer haben zusammen zwei goldene, drei silberne und zwei bronzene Medaillen errungen, und was diese Plaketten den Sportlern bedeuten, kann Nicolas Kiefer ganz gut erklären, wenn er sagt:

"Die Silbermedaille von Athen steht in meiner Wertschätzung am höchsten. Anfangs konnte ich mit ihr nicht viel anfangen, aber jetzt schaue mir sie jedes Mal an, wenn ich zuhause bin." Nicolas Kiefer ist bis jetzt der einzige deutsche Spieler, der seine Nominierung für Peking sicher hat.

Am Montag hat Philipp Kohlschreiber sein Auftakteinzel beim Rasenturnier im westfälischen Halle 6:4 und 6:1 gegen den Franzosen Julien Benneteau gewonnen. 69 Minuten hat das Match nur gedauert. Viel mehr konnte Kohlschreiber zunächst nicht tun, um den Funktionären zu demonstrieren, dass er in Peking mit edelmetallenen Ambitionen antreten könnte, denn genau das ist es ja, was der DOSB von seinen Olympiavertretern verlangt. Am Montag ist auch die neue Weltrangliste erschienen, doch in dieser stand Kohlschreiber nur auf Platz 40.

Wenig Chancen für die Frauen

Das war zu wenig für ein direktes Olympiaticket. Er hätte in der Rangliste mindestens auf Platz 24 stehen müssen, oder bei den Grand-Slam-Turnieren in Melbourne oder Paris mindestens das Viertelfinale erreichen müssen, oder seit Oktober das Halbfinale irgendeines Masters-Turniers. In Melbourne war Kohlschreiber im Achtelfinale am Finnen Jarkko Nieminen gescheitert. Er hat seine Nominierung knapp versäumt, und deshalb hofft er auf eine Rehabilitationschance in Halle oder in Wimbledon.

"Wenn ich gut spiele, dann sagen sie vielleicht: 'Der kleine Junge hat nicht sooo schlecht gespielt und hat es verdient, bei Olympia dabei zu sein'", sagt Kohlschreiber spitzbübisch. Zuversichtlich für Kohlschreibers Start bei Olympia ist Klaus Eberhard, der Sportdirektor des Deutschen Tennisbundes, seit er mit Bernhard Schwank aus dem Leistungssport-Ausschuss des DOSB gesprochen hat. "Ich bin sogar fast sicher, dass Philipp in Peking spielen darf", sagt Eberhard, denn Kohlschreiber erfülle einerseits als 40. der Weltrangliste die olympische Qualifikationsnorm der Internationalen Tennis-Föderation (ITF) und besäße im Doppel mit Nicolas Kiefer in Peking außerdem "jene Medaillenchancen, die der DOSB einfordert".

Im Tennis, sagt Eberhard, "lässt sich anders als etwa in der Leichtathletik nicht sagen, die Nummer 50 der Welt hat keine Medaillenchancen". Während Kohlschreiber bei einer nachträglichen Olympia-Nominierung in etwa zwei Wochen dann auch im Einzel in Peking antreten dürfte, sieht es für die deutschen Frauen schlecht aus. Bis jetzt erfüllt keine einzige Spielerin die Kriterien des DOSB oder der ITF, und Eberhard glaubt, dass nur "eine außergewöhnliche Leistung in Wimbledon" für Sabine Lisicki oder Martina Müller noch zur kurzfristigen Nominierung reichen würde. Für sie gilt noch viel mehr als für Philipp Kohlschreiber, dass sie in den nächsten Wochen richtig gutes Tennis spielen müssen.

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(SZ vom 11.06.2008/mb)