Von Milan Pavlovic

Erinnerungen an Steffi Graf: Nach kurzer Stagnation macht Sabine Lisicki mit dem Sieg in Charleston den größten Sprung ihrer Karriere.

In die Tagesschau hat es Sabine Lisicki noch nicht geschafft, aber vielleicht auch nur deshalb nicht, weil sie den Matchball zu ihrem ersten Turniersieg auf der WTA Tour am Sonntag um 20.32 Uhr MESZ verwandelte. Dann setzte die 19-Jährige, den Tennisschläger weiter fest in der rechten Hand, zu einem Freudensprung an, der den Verdacht nahe legte, sie wolle sich noch für die Leichtathletik-WM qualifizieren, die im August in ihrer Heimatstadt Berlin stattfindet.

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Die erst 19-jährige Sabine Lisicki hat in Charleston ihr erstes Turnier gewonnen. (© Foto: Reuters)

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Doch Hochspringerin Ariane Friedrich muss sich keine Sorgen um Konkurrenz aus dem eigenen Land machen: Lisicki hat ihre Ambitionen dem Tennis verschrieben. Deshalb ist ihr Vater, der promovierte polnische Historiker Richard Lisicki, einst nach Berlin gezogen; und deshalb ist der blonde Teenager vor ein paar Jahren nach der zehnten Klasse vom Gymnasium abgegangen.

Das Turnier in Charleston war die erste große Belohnung für den längst nicht mehr selbstverständlichen Schritt, den Sport einem gesitteten Erwachsenwerden vorzuziehen. In der vergangenen Woche hat Lisicki gewaltige Fortschritte gemacht. Sie hat in sechs Partien auf dem dunklen Sandplatz von South Carolina nicht einen Satz verloren - und das, obwohl sie sich vier vor ihr platzierten Gegnerinnen stellen musste, darunter Venus Williams, Gewinnerin von sieben Grand-Slam-Titeln, und Marion Bartoli, Wimbledon-Finalistin von 2007.

Und obwohl ihr der Sieg gegen Venus Williams schon im Achtelfinale gelungen war, ließ Lisicki nicht nach. Im Gegenteil: Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen deklassierte sie ihre drei abschließenden Gegnerinnen und geriet nie mehr in Bedrängnis. Bloß der allerletzte Punktgewinn machte ihr zu schaffen, sechs Versuche brauchte sie. "Ich wusste am Ende nicht mal, der wievielte Matchball es war - der siebte, der achte? Es fühlte sich an wie der 30.", sagte Lisicki.

Überraschend am Durchmarsch war nur die Dominanz der Siegerin - aus dem Nichts kam der Erfolg nicht. Bei den Australian Open 2008 hatte Lisicki erstmals auf sich aufmerksam gemacht. Sie verblüffte sportlich, indem sie mit harten, gewagten Grundlinienschlägen, sattem Service und forschem Auftritt als Qualifikantin das Achtelfinale erreichte. Noch mehr blieben aber ihre kecken Aussagen hängen.

"Ich will die Nummer eins der Welt werden", kündigte sie für deutsche Verhältnisse ungewohnt unbescheiden an. Bald darauf scheiterte sie unnötig im Achtelfinale, in einer unvergesslichen Partie jenseits der Fernsehkameras: Auf dem berüchtigten Court 18 von Melbourne, hinter dessen Bande direkt die Straßenbahn-Linie 70 verläuft, führte Lisicki bereits mit 6:4, 4:2 und hatte drei Spielbälle zum 5:2. Im Zynikerjargon wird das als "Doppelbreak" bezeichnet, weil im Frauentennis Breaks meist häufiger vorkommen als gewonnene Aufschlagspiele. Lisicki verpasste die Chance, und ehe sie sich versah, lag sie im letzten Satz zu weit zurück.

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