Tennis Der Heilige Ernst des Magiers

Roger Federers langer Anlauf zur Nummer eins. Von Fluch und Segen eines einzigartigen Talents.

Von Von Josef Kelnberger

Zu Hause in Basel, Heimspiel in der St. Jakobshalle. Roger Federer erschien blank rasiert zur Pressekonferenz, die Haare streng gescheitelt und akkurat hinter die Ohren geklemmt, trug ein helles Hemd, lässig über der Hose, aber generalstabsmäßig gebügelt, in der blauen Jeans klaffte knapp unter dem rechten Knie ein Loch. "Roger", sagte ein Schweizer, "du hast ein Loch in der Hose." Roger zog erschrocken das Bein zurück, es dauerte eine Moment, bis er begriff, dass dieses Loch vom Designer genau da vorgesehen war. Unter seiner knolligen Nase machte sich sein Mona-Lisa-Lächeln breit. Er streckte das Bein wieder aus. Alles war an der richtigen Stelle, Loch inclusive. Perfekt sah er aus, wie immer, doch unangenehm war ihm sein gerade gewonnenes Match, 6:1, 6:3 gegen Marc Rosset. Den Freund und Landsmann hatte er gedemütigt, den Zuschauern die Spannung geraubt. Er tat ihm leid, aufrichtig. Er entschuldigte sich.

Ein Schweizer. Er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als in der Schweiz zu leben. Wir dürfen ruhig ein bisschen stolz sein auf unser Land, sagt er den Landsleuten. Landschaft herrlich. Essen gut. Bünzli, Schweizer Hinterwäldler? Verstehe er nicht, dieses Klischee, sagt er, es sei alles wie überall in Europa, nur etwas sauberer, geordneter. Betritt er ein Swiss-Flugzeug, fühlt er sich zu Hause. Den Plan, der Steuern wegen nach Monaco zu ziehen, hat er verworfen, blieb in Bottmingen nahe Basel. Zu Hause, bei seinen Eltern, die er Mami und Papi nennt. Mami, Südafrikanerin, die früher wie Papi in der chemischen Industrie arbeitete, führt seine Geschäfte, Lebensgefährtin Mirka Vavrinec, früher selbst Tennisprofi, regelt die Termine. Gerade brachte sie eine Roger-Federer-Parfümlinie auf den Markt. Was man an der Schweiz ändern könne? Vielleicht ein Meer anbauen, aber sonst? Roger Federer ruht in sich, auf eine erstaunliche Art für einen Mann von 22 Jahren.

Mit 16 verließ er die Schule, Bücher machen ihm Kopfweh, Politik interessiert ihn nicht, wählen war er noch nie. Er spielt Karten, Playstation, sanft surft er durchs Leben auf der Suche nach Perfektion in seinem Metier: Tennis. Federer erreichte die Perfektion zweimal, in Halbfinale und Finale in Wimbledon gegen Andy Roddick und Mark Philippoussis. Das ist nun die Messlatte, alles, was darunter liegt, kann ihn auf Dauer nicht befriedigen, auch nicht sein Status als Nummer drei der Welt, mit dem er diese Woche zum Masters-Finale nach Houston aufbrach. Nicht ihn selbst, nicht die Fans und nicht die Experten. John McEnroe nach Federers Wimbledon-Sieg: "Jedes Kind, das jetzt mit Tennis anfängt, sollte sich Federer zum Vorbild nehmen." Boris Becker: "Das könnte der Beginn einer Ära sein ... Federer ist eines der größten Talente, das das Tennis je hervorbrachte." Die Times, in Anspielung auf Zauberlehrling Harry Potter: "Roger Potter and the Racket of Fire." Wiederum McEnroe, nach einem Sieg Federers bei den US Open gegen James Blake: "Der neue Pete Sampras." Die New York Times zum selben Anlass: "Federer ergießt sich wie Plasma über den Platz."

Wie Plasma. Das ist ein schönes Bild. Federer dominiert mit Aufschlag, Volley und Vorhand, aber sein Spiel lebt von dem umfassenden Arsenal, aus dem er schöpft. Technisch, taktisch, körperlich. Sanfte Gewalt, die seine Gegner einschnürt. Niemand schätzt dieses Tennis mehr als Federer selbst. Mit heiligem Ernst pflegt er sein Talent, im Wissen um den Fluch, der darauf liegt. "Ich musste immer mit Komplimenten umgehen", sagt er. "Wenn man nichts mehr gewinnen und nur noch verlieren kann, dann hinterlässt das manchmal Spuren."

Früher schmiss er Schläger, weinte, bis er den Ball nicht mehr sah. Die Eltern drohten, sie würden nicht mehr zuschauen, da wurde er traurig und weinte noch mehr. Doch er arbeitete an sich. Gefühl zeigt er jetzt meist erst nach dem Match. Man warf bis Anfang dieses Jahres vor, er versage bei den großen Turnieren, doch er spürte, dass er Erfahrung für große Matches erst in den Finals von kleineren Turnieren sammeln musste. Jetzt steht er vor der nächsten Herausforderung, den Wimbledon-Sieg bestätigen, die Nummer eins erobern. "Die Leute sagen mir: Wenn du dein bestes Tennis spielst, bist du unschlagbar. Aber ich spüre gegen jeden Gegner die Gefahr. Außerdem bin ich noch nicht die Nummer eins. Ich muss noch zwei überholen."

Er war schon nah dran. Die bitterste Niederlage kassierte er im Sommer in Montreal, trotz 4:2-Führung im dritten Satz gegen Andy Roddick. Vier Punkte fehlten zur Nummer eins. Dann verlor er auf den US-Hartplätzen zweimal gegen David Nalbandian, seinen Angstgegner, unterlag in fünf Sätzen Lleyton Hewitt im Davis-Cup-Halbfinale. Eine weitere Niederlage im Halbfinale von Madrid gegen Juan Carlos Ferrero raubte ihm fast alle Chancen, zum Jahresende die Nummer eins zu übernehmen. Schließlich verlor er zu Hause in Basel, am Rücken verletzt, gegen Ivan Ljubicic. "Es war auch so eine Supersaison", sagt er, "ich habe Wimbledon gewonnen, in Wien erstmals einen Titel verteidigt." Er will geduldig bleiben, nichts überstürzen im Kampf gegen Roddick und Ferrero. Er will sein Talent zur vollen Entfaltung zu bringen.

Die nächsten drei Jahre, glaubt er, seien entscheidend. Unter Anleitung von Coach Peter Lundgren und Konditionstrainer Pierre Paganini hat er seinen Körper behutsam aufgebaut. Doch "um mehr Mut für Fünfsatz-Matches zu bekommen", braucht er noch längeren Atem, noch mehr Muskeln - genau so viel, dass seine Reflexe nicht leiden. Eine Gratwanderung. "Eigentlich müsste ich weniger Turniere spielen, um zu arbeiten. Mit 25, 26 Jahren noch etwas draufzulegen wäre schwierig." In dem Alter will er auf dem Gipfel angekommen sein.

So weit wie er wagt sich selten jemand vor. Sein Spiel sei anders als das der anderen, hatte er in Wimbledon erklärt. "Ich liebe mein Spiel." Wenn er schon so mit Komplimenten zugedeckt werde, findet er, habe er doch das Recht zu zeigen, dass ihm sein Spiel auch selbst gefällt. Es hat ihn selbst überrascht, dass sich keiner der Kollegen aufregte, "dass da nicht mehr gekommen ist". Aber einer, der sich so natürlich für den Besten hält, für den Mann, der das Powertennis auf ein höheres, virtuoses Niveau hebt, der wird Widerstand provozieren.

An diese Möglichkeit will er keinen Gedanken verschwenden: dass es nicht mehr vorwärts gehen könnte mit Roger Potter, dem Schweizer Magier. Wird ihm dann nicht auch das traute Heim auf die Nerven gehen, die allumfassende Schweizer Heimeligkeit, dieser kontrollierte Reichtum, der ihm jetzt einen Maserati zugesteht? Da wird Roger Federer doch ein wenig gereizt, am Telefon vor dem Abflug nach Houston. "Wenn ich ein paar Mal verlieren sollte, muss das nicht gleich eine Krise sein", sagt er. "Ich bin nicht der Typ, der dann sofort analysiert."