Tennis "Alex wird bald die Nummer eins sein"

Deutschland oder Österreich, wer steht auf dem Tennisplatz bald besser da? Antworten aus berufenem Mund - vom einstigen Boris-Becker-Coach Günter Bresnik.

Interview von Gerald Kleffmann

Günter Bresnik, 55, ist einer der renommiertesten Tennistrainer, seit 30 Jahren arbeitet der Wiener auf der Profitour. Unter anderem betreute er Boris Becker, Henri Leconte, Amos Mansdorf und Horst Skoff. Bresnik leitete auch den aktuellen österreichischen Spitzenspieler Dominic Thiem an. Den 22-Jährigen übernahm er, als Thiem noch ein Junge war. Bresnik, dessen Eltern als Ärzte arbeiteten, brach selbst sein Medizinstudium ab und kam als Quereinsteiger ins Tennisgeschäft. Mit Unterbrechungen war er neun Jahre lang österreichischer Davis-Cup-Chef.

SZ: Herr Bresnik, Österreich hat wieder einen Weltklassespieler. Was zeichnet Dominic Thiem aus?

Günther Bresnik: Das Gesamtpaket. Dominic ist technisch und spielerisch weit. Er hat körperlich extrem aufgeholt. Das Wichtigste: Er hat die perfekte Einstellung. Schon als Kind hatte er diesen Spirit. In den 14 Jahren, die wir miteinander trainieren, hat er nicht einmal gefragt, wie lange das Training geht!

Haben Sie das schon geahnt, als Sie ihn das erste Mal sahen?

Nein, wenn man jemanden das erste Mal sieht, kann man die Tragweite nicht abschätzen. Sein Vater hat bei mir als Trainer gearbeitet, da war Dominic drei Jahre alt. Ab seinem achten Lebensjahr habe ich ihn regelmäßig trainiert. Bei ihm fiel aber auf, dass er jede Minute den Schläger in die Hand nahm. Er hat gegen die Wand gespielt oder auf irgendwas gezielt. Mit acht, neun hat er schon zwei Stunden am Tag konzentriert trainiert. Das war außergewöhnlich.

Auch das deutsche Talent Alexander Zverev, 19, wurde von klein auf im Familienverbund ans Profitennis herangeführt. Ist der kontinuierliche Weg mit den immer selben Vertrauten der bessere Weg?

Ich glaube schon. Ich habe mich mit Philipp Kohlschreiber mal unterhalten. Er sagte, Thiem und Zverev sind zwei der viel- versprechendsten Spieler weltweit. Er führte das auch darauf zurück, dass die beiden früh in einem guten Umfeld dauerhaft arbeiten konnten. Viele Tennis-Eltern machen anfangs Fehltritte, weil sie nicht wissen: Wer ist ein guter Trainer? Dann werden die Kinder oft in Verbände gesteckt.

Aber alle rufen doch gerne nach der Unterstützung der Verbände?

Da gibt es aber auch Leerläufe. Ein privates Engagement hat eine andere Qualität. Schauen Sie sich den Weg der Williams-Schwestern an. Sie wurden vom Vater geschult, der gezielt auf die Karriere der Töchter hingearbeitet hat. Wenn Dominic zu Hause in Österreich ist, überprüfen wir exakt seinen Fitnesszustand, wir gehen das wissenschaftlich an. Wir haben auch Alex Stober geholt, einen der besten Physiotherapeuten im Tennis, der mit uns die Vorbereitung in Spanien absolvierte. Diese Prozesse entstehen auf kurzen Wegen, wir sind handlungsschnell.

Der Wiener Dominic Thiem (l.), 22, aktuell die Nummer 15 der Weltrangliste, und die Nr. 48 der Welt, der Hamburger Alexander Zverev, 19.

(Foto: Tiziana Fabi/AFP)

Boris Becker sagte, man kann sich nicht mehr vorstellen, wie komplex der Beruf des Tennisspielers aussieht.

Boris hat recht. Er weiß das aus nächster Nähe - er trainiert den Besten seines Fachs. Wie Novak Djokovic seine Arbeit definiert und umsetzt, ist das Professionellste, das es gibt. Er bezieht jeden Aspekt ein, die körperliche, die spieltechnische, die taktische, die medizinische, die mentale Betreuung. Von ihm kann man nur lernen.

Sie trainieren öfter mit dem Team Djokovic. Was lässt sich adaptieren?

Aus dem Training lässt sich weniger herausziehen als aus den Matches gegen die Hochkaräter. Was mir aufgefallen ist: Die Erfolgreichen sind oft ganz eigene Typen. Wenn die etwas verstanden haben und von etwas überzeugt sind, ziehen sie es durch. Federer, Djokovic, Nadal müssen zu nichts gezwungen werden, sie treiben sich an. Sie haben auch wenig echte Vorbilder. Sie setzen sich eigene Maßstäbe, genau deshalb sind sie selbst so starke Persönlichkeiten.

Auch Zverev trainiert gelegentlich mit Andy Murray oder Roger Federer. Das kann doch nur Vorteile haben, oder?

Einer ist sicherlich, dass die Jungen sehen: Die anderen sind auch nur Tennisspieler. Wichtig ist in den Matches, dass man fest daran glaubt, den anderen besiegen zu können. Man sollte immer mit Respekt auf den Platz gehen - aber nie mit Angst. Bei den Großen fällt auf, dass sie in den ganz engen Phasen noch eine Spur selbstsicherer ihr Potenzial abrufen. Sie wehren sich dagegen, sich einschüchtern zu lassen.

Bei der neuen Generation, zu der Profis wie Zverev, der Australier Nick Kyrgios, der Russe Andrei Rubljow, der Kroate Borna Coric gehören, fällt auf, wie selbstbewusst sie sind, teils sogar frech.

Es sind tatsächlich einige dabei, bei denen das Verhalten fast ins Respektlose geht. Manche pfeifen sich gar nichts vor großen Namen. Andere schon.

Zverev?

Zverev pfeift sich nichts. Der ist von sich überzeugt. Er bringt eben auch viel mit. Er wurde in einer liebevollen Form auf seine Karriere hingedrillt. Er ist für mich von den 18-, 19-Jährigen der Beste. Er verfügt über die zwei wichtigsten Schläge für die Spiel-Eröffnung: Aufschlag und Return.

Besser als Thiem?

Besser als Dominic. Mir gefällt auch der Franzose Lucas Pouille. Er spielt ein Tennis für die ersten Zehn. Die Amerikaner haben plötzlich eine Handvoll guter Talente, Taylor Fritz, Tommy Paul, Jared Donaldson, Francis Tiafoe, Reilly Opelka. Ich sage das aber auch Zverev direkt: Er wird in den nächsten fünf Jahren die Nummer eins werden. Mit solchen Prognosen habe ich mich nie geirrt. Darauf bin ich stolz. Er muss natürlich fit bleiben.

Günter Bresnik lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in Innermanzing in Niederösterreich. In Wien betreibt der 54-Jährige eine Tennis-Akademie.

(Foto: Hasenkopf/imago)

Thiem hat schon fünf ATP-Turniere gewonnen, aber auch Rückschläge vorher erlitten. Er war mal sehr krank.

Das war eine schwere Zeit in seiner Entwicklungsphase. Mit 16, 17 litt er an einer bakteriellen Infektion, die lange nicht richtig diagnostiziert werden konnte. Die Bakterien konnte man nur nachweisen, wenn sie aktiv sind. Dominic hatte komplette Ausfälle bei Turnieren. Er war damals vier Wochen im Spital. Er war immer total müde, hatte keine Energie. Sie haben ihm dann stündlich über einen Zeitraum von zwei Wochen Blut entnommen.

Wie sehr hat Thiem die Phase geprägt?

Da sind wir wieder beim Thema Erfahrung. Er weiß, wie schlecht das Leben einem spielen kann. Dass einem wenig geschenkt wird und man dankbar sein muss, jeden Tag mit Energie aufstehen und einen tollen Beruf ausüben zu können. Er weiß, dass der sportliche Erfolg von seiner körperlichen Verfassung abhängt. Das hat ihm ein anderes Körperbewusstsein gegeben. Er weiß, dass er mit den Qualitäten, die ihm mitgegeben wurden, sorgsam umgehen muss.

Im Tennis drängen so viele Jungprofis um die 20 in die Weltspitze wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die neue Generation trägt ein schweres Erbe. Die großen Vier - Djokovic, Federer, Nadal, Murray - werden eines Tages eine Lücke hinterlassen. Alle reden ja jetzt schon davon, wann Federer und Nadal aufhören. Djokovic wird ungerechtfertigterweise selten dabei erwähnt . . .

Warum ist das so?

Vielleicht weil ihm die Eleganz im Spiel fehlt, die etwa Federer besitzt. Zum anderen, weil er nicht ganz die emotionalen Reize aufs Publikum ausübt wie die anderen drei. Er spielt ein perfektes Spiel, ohne irgendwelche Höhepunkte fürs Publikum. Das berührt weniger. Mich erinnert seine Situation an den jungen Federer. Bei ihm hieß es anfangs, er sei ein super Spieler, aber kein guter Grand-Slam-Spieler. Dann gewann er mit Anfang 20 Wimbledon und startete durch. Djokovic wurde auch nachgesagt, er sei toll, aber er könne gegen die großen Zwei nie gewinnen. Er sei ein guter dritter Spieler. Jetzt wird er fünf Jahre das Welttennis dominieren. Wissen Sie eigentlich, dass ich Tennis-Utensilien sammle?

Bislang nicht.

Ich sammle einiges, auch Tennisbücher. Eines meiner lustigsten Bücher habe ich vom Trainerkollegen Bob Brett bekommen, als immer diskutiert wurde, was mit Tennis passiert, wenn John McEnroe und Björn Borg aufhören. Eine Katastrophe, hieß es immer. Niemand wird mehr Tennis schauen! Nahtlos wurden sie abgelöst von Becker und Edberg und Lendl. Es kamen Sampras und Agassi. Und dann die großen Vier. Das Buch war - halten Sie sich fest! - von 1906, und in dem wurde besorgt gefragt: Wo wird das Tennis hinführen, wenn die großen Spieler aufhören? Diese Debatte wiederholt sich seit 100 Jahren! Tennis verläuft dabei immer recht stabil von der Aufmerksamkeit her, es wird nur von Land zu Land unterschiedlich wahrgenommen. Als Marcelo Rios die Nummer eins war, sah halb Chile zu. Becker, Stich, Graf sorgten für den Boom in Deutschland. Li Na brachte die Chinesen vor die Fernseher.

Und Thiem?

Er hat auch schon viel verändert. In Österreich wird viel mehr Tennis übertragen. In gewissen Sendern hatten Tennismatches tagsüber vorher Einschaltquoten von 20 000. Jetzt sitzen um drei Uhr nachts 300 000 vor dem Bildschirm.