Von Moritz Kielbassa

4-3-3, 4-4-2, 4-2-3-1 - alles wurschtegal: Die taktischen Systeme sind vor allem für Journalisten da.

Auch 2007 sind Tüftler und Strategen in aller Welt damit beschäftigt, den Fußball taktisch fortzuentwickeln. Dabei scheinen perfektionierte Abwehrsysteme nicht mehr das Hauptthema zu sein - weil perfekter als perfekt nicht geht. "Verteidigen kann heute jeder", erkannte FC-Bayern-Verteidiger Philipp Lahm am Montag in Burghausen.

Anzeige

Noch vor zwei Jahren gab es Fortbildungsbedarf. Bei einem internationalen Trainerkongress in Düsseldorf referierte ein braungebrannter Fortschrittsgeist namens Uwe Rapolder, wie ein auf engstem Raum verdichtetes 4-4-2-Gitter dem Gegner jeden Spaß am Spiel raubt. Seinen Dreistufenplan für aggressives Ballerobern nannte er Pressure, Cover and Balance, früher Pressing, Doppeln und Verschieben genannt; er sprach von Vertical Play statt Steilpässen, und es hatte den Anschein, als sei das Fußballspiel in Bielefeld erfunden worden und nicht in England. Der Konzeptfußball erreichte Deutschland, mit Jahren Verspätung.

Fluchtwege über die Flügel

Inzwischen ringen die Trainer um kreative Antworten auf diesen systematisierten Schablonenfußball. Statt defensiver "Torverhinderungsgeneraltaktiken", die DFB-Analysten noch bei der WM 2006 registriert haben, werden auch neue Torerzielungskönigswege gesucht. Fitness und Tempo sind dabei nach geltender Lehre unerlässliche Faktoren für ein zeitgemäßes Angriffsspiel: "Das schnelle Umschalten wird immer wichtiger", sagt Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld, der neuerdings sein Training mit Laptopdaten steuert und auf dem Platz taktische Trockenübungen macht, wie man sie bisher nur aus Spanien, Italien und Südamerika kannte. Mit seinem Starensemble hat Hitzfeld nun auch die strategische Vorreiterrolle inne. Wie die Münchner, so planen viele Bundesligisten ihr Offensivspiel: Mit verwirrenden Rochaden und Positionswechseln, die in kein starres Taktikkorsett passen. Mit Tempodribblern à la Ribéry, die das vom Gegner meist verbarrikadierte Zentrum über die Flügel umgehen. Und mit großen Kopfballstürmern, die in der Mitte Flanken verwerten und im Strafraum eine verlässliche Anspielstation sind, Modell: Toni, Klose, Gomez, Hanke, Klimowicz, Kuranyi, nun genannt: Wandspieler.

Geschwindigkeit, mit und ohne Ball, im Denken und im Handeln, ist mittlerweile das wichtigste Bewertungskriterium für gute Spieler. Nicht nur der Bundestrainer fordert flotte Flachpässe in höchster technischer Präzision, auf Grashöhe (Sommermärchen) statt Kniehöhe (Rumpelfüßler). Zwischen Ballannahme und Weiterleitung soll möglichst nur ein Wimpernschlag Zeitverlust liegen, auch, um die wenigen Sekunden zu nutzen, die der Gegner nach dem Ballverlust in der Abwehr unsortiert ist. "Ist der erste Pass falsch, ist das Spiel tot", sagt Jogi Löw. Die Spieleröffnung findet immer weiter hinten statt, oft bei den Verteidigern und manchmal sogar schon beim Torwart, nur noch selten hingegen bei der aussterbenden Gattung der offensiven Zehner. Spielmacher hinter den Spitzen machen sich rar in der Liga, allerdings: Wer einen hat wie Diego, Bastürk, Marcelinho - der stellt ihn nach wie vor gerne auf.

In der Mehrzahl aber sind im Zentrum statt launischer Lincolns "Mittelfeldspieler mit Mehrfachqualitäten" gefragt, wie DFB-Chefscout Urs Siegenthaler weiß: universelle Sechser oder Achter, die Grätscher sind und trotzdem Strategen, Balleroberer, Lückenschließer und kluge Passgeber in einem - wie der altersreife Münchner Zé Roberto. In der Taktiklehre 2007 verschmelzen Struktur und Spektakel, im stabilen Milieu streng erfüllter Defensivpflichten blüht wieder die Freiheit des individuellen Instinktfußballs auf. Die modernen Angriffsspieler von Weltrang - Kàka, Ronaldinho, Rooney, auch Ribéry - kennen keine Position, sie tauchen rechts auf und links und richten in den Schnittstellen des Gegners durch ihre unberechenbaren Laufwege Chaos an. Ein Chaos, das - siehe FC Bayern zuletzt - so gut organisiert ist, dass kein Mitspieler dem anderen auf die Zehen steigt. Trainer umschreiben diese variable Raumaufteilung neuerdings so: "Unser Spiel soll schwer zu greifen sein."

Viele Teams haben inzwischen mehrere Systemvarianten im Repertoire

Immer unwichtiger werden die Ziffern hinter dem Plan: 4-3-3, 4-2-3-1, 4-4-2, 4-1-4-1 - wurschtegal, sagt HSV-Trainer Huub Stevens: "Systeme sind für Journalisten da", wenn die Balance stimmt und jeder einzelne weiß, wann er Räume öffnen oder schließen muss, dann ist die Grundformation Nebensache. Einzige Systemkonstante ist die Abwehr-Viererkette, von der alle 18 Ligatrainer nur in seltenen Bedarfsfällen abrücken - wie im Vorjahr der Frankfurter Friedhelm Funkel, der dem FC Bayern mit einem 3-5-2- Block den Zahn zog (1:0).

Viele Teams, von Hannover bis Bochum, von Stuttgart bis Dortmund, haben inzwischen bewusst mehrere Systemvarianten im einstudierten Repertoire. Beliebt sind weiterhin Schnittmuster mit nur einem Stürmer, wohinter sich verkappt oft drei Spitzen verbergen. Und wer ein 4-4-2 mit flacher Mittelfeldreihe, das heuer viele Trainer favorisieren, bei Licht betrachtet, der formt daraus schon mit ein bisschen Schieben und Verbiegen ein 4-5-1 - wenn sich einer der Stürmer hinter den anderen fallen lässt: "Man sollte Systemfragen nicht überstrapazieren", sagt Hannovers Trainer Dieter Hecking. Machen wir.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 9.8.2007)