SZ-Magazin Viva la Fifa!
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Im Freudentaumel über die WM haben Politiker und Funktionäre unser Land an den Fußball verschachert. Nun regiert eine ungezügelte Macht, für die nur der Profit zählt.
Das Grußwort des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter zur Fußball-WM liest sich wie eine Hymne auf den Veranstalter: Die Welt werde sehen, "was für ein wunderbares Land Deutschland tatsächlich ist; die Schönheit und Vielfältigkeit der Landschaft, das reiche kulturelle Erbe und nicht zuletzt die Freundlichkeit und der Humor der Menschen". Die Fifa sei beeindruckt von der "legendären deutschen Arbeitsmoral" und deren "Organisationstalent". Doch bei aller Bewunderung für die deutschen Tugenden, die wichtigen Dinge regelt der Weltfußballverband lieber selbst: Die Deutschen wären sonst womöglich auf die Idee gekommen, Weißbier von Paulaner und Pils von Beck's im Stadion auszuschenken statt die Getränke der Fifa-Topsponsoren Budweiser und Coca-Cola. Wahrscheinlich hätten sie auch die Teilnehmer und Offiziellen der WM in BMWs und Mercedes durch das Land kutschiert statt in den Limousinen des Fifa-Topsponsors Hyundai. Und mit Sicherheit wären sie nicht auf die Idee gekommen, dem Fifa-Präsidenten einen Thron zu errichten. Deshalb hat Blatter nun verfügt, dass zum Eröffnungsspiel in der Münchner Allianz Arena für ihn und seine Gäste neue Sitze installiert werden - exakt auf Höhe der Mittellinie. Jeder im Stadion und an den Fernsehgeräten in aller Welt soll gleich sehen, wer bei dieser WM das Sagen hat.
Die Geschichte, wie die Fifa die Macht in Deutschland ergriff, beginnt vor vier Jahren in einer schmucklosen Behörde am Ufer der Isar in München, dem Bundespatent- und Markenamt. Hier werden die Rechte an Produktnamen und Werbelogos beantragt, geprüft und eingetragen - oder abgelehnt. Die Behörde ist von zentraler Bedeutung für die Fifa, die mehr als fünfzig Begriffe und Logos schützen lassen will: die Zahlen "2006" und "06", Namensvarianten wie "Dortmund 2006" und "Frankfurt 2006" oder Sätze wie "Die Welt zu Gast bei Freunden". Es geht um viel Geld, allein aus dem Vertrieb von Fanartikeln mit den WM-Logos erwartet der Weltfußballverband 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Zudem hat die Fifa McDonald's, Adidas, Yahoo und weitere zwölf Topsponsoren mit je 40 Millionen Euro zur Kasse gebeten und ihnen dafür exklusiv zugesichert, dass sie ihre Unternehmen in der Öffentlichkeit als "offizielle Partner" der WM 2006 präsentieren dürfen.
Zum Ärger der Fifa wehrt das Bundespatent- und Markenamt alle Anträge des Weltfußballverbandes ab. Ein Super-GAU für die Verantwortlichen, die eine Weltverschwörung aus Trittbrettfahrern fürchten: Firmen, die mit der WM imagefördernd werben könnten, ohne dafür ihren Obolus an den Weltverband zu entrichten. Das gilt es mit aller Macht zu verhindern, auch gegen den Widerstand von ein paar allzu gesetzestreuen Beamten.
Im Dezember 2002 macht Beate Schmidt, Leiterin der Hauptabteilung 3 im Bundespatentamt, eine bestürzende Entdeckung: Auf die Beamten ihrer Dienststelle wurde wiederholt von höchster Stelle Druck ausgeübt. "Vertreter der Fifa haben sich wegen der Wortmarke 'WM 2006' an die Bundesministerin der Justiz gewandt", schreibt Schmidt an ihre Vorgesetzten. Der zuständige Prüfer in der Außenstelle in Jena habe darauf "unmittelbar" an das Ministerium berichten müssen. Die Fifa agiere "ausschließlich auf der politischen Schiene", zürnt Schmidt und pocht auf die Rechtsposition ihrer Behörde, wonach sich Allgemeinbegriffe wie "WM 2006" nicht schützen ließen.
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Was die Beamtin nicht ahnt: Die Fifa genießt schon dreieinhalb Jahre vor dem Anstoß zur WM in Deutschland Sonderrechte. Zwar behauptet das Justizministerium, die Ministerin habe keinen Einfluss ausgeübt. Trotzdem erhält im März 2003 der Weltfußballverband ein schillerndes Sammelsurium an Einträgen, darunter "WM 2006" - obwohl in Deutschland im Jahr 2006 auch Weltturniere im Reiten, Hockey, Hallenrad stattfinden. Umgehend protestieren der Schokoladenhersteller Ferrero, der mit der WM werben wollte, sowie zwei weitere Interessenten. Als ihre Anwälte die Akte im Patent- und Markenamt einsehen wollen, fehlen ein paar Seiten. Es sind die pikantesten: die Klagen des Patentamts und die Beschwerden der Fifa. Sie tauchen erst nach einem juristischen Intermezzo auf - und offenbaren, dass der Fifa-Anwalt beim zuständigen Sachbearbeiter sogar gedroht hatte, er werde "an höchster Stelle sowohl im Justizministerium als auch im Innenministerium unterstützt". Süffisant verwies er auf den "Prestigeverlust für diejenigen Kreise, die sich bis an die Grenzen des Möglichen eingesetzt haben, die WM in Deutschland" zu veranstalten - die Regierung von Fußballkanzler Gerhard Schröder. Selbstgewiss attackierte der Fifa-Marketingchef Gregor Lentze am 26. November 2002 bei der Justizministerin das Patentamt für dessen "nicht erklärbare" Haltung - und das Ministerium reagierte in großer Eile.
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