SV Werder Bremen Mit der Kraft der Haarlocke

"Pizza ist Pizza", ein größeres Lob gibt es derzeit in Bremen nicht. Stürmer Claudio Pizarro trifft per Elfmeter zum 3:3 gegen Berlin.

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Claudio Pizarro steht für ein neues Bremer Selbstverständnis.

Von JÖRG MARWEDEL, Bremen

Immer wenn es im Weserstadion einen Eckball gibt, wirbt ein Sponsor "für die schönsten Ecken der Welt". Zlatko Junuzovic ist dafür verantwortlich, dass die Bälle so in den Strafraum segeln, dass daraus auch die schönsten Werder-Tore der Welt fallen können. In der vergangenen Spielzeit bereitete er 15 Treffer vor, viele von der Eckfahne aus. In dieser Saison hatte er weniger Glück - bis zur 77. Minute im Duell mit Hertha BSC. Da wuchtete der Österreicher die Kugel auf den Kopf von Santiago Garcia, der sie in Richtung Tor weiterleitete. Und weil ein Berliner den Ball vielleicht noch am Überqueren der Torlinie hätte hindern können, stürmte Claudio Pizarro heran. Es war für den normalen Beobachter kaum erkennbar, doch der 37-Jährige Peruaner sagte später grinsend: "Ich war noch dran." Womöglich mit seiner Haarlocke. Es war nicht der schönste, aber allemal ein kurioser Treffer.

Vor allem war es das 3:3 nach einem 1:3-Rückstand. Dieses Tor hat die siebte Bremer Heimniederlage verhindert, was Werder-Trainer Viktor Skripnik als Sieg der Moral feierte. Zudem war es das 181. Pizarro-Tor in der Bundesliga (94 für Werder, 87 für den FC Bayern). Schon das 2:3 eine Minute zuvor erzielte er mit einem Elfmeter nach Foul von Fabian Lustenberger an Anthony Ujah. In der ewigen Bundesliga-Torjägerliste hat Pizarro nun zum Fünften Ulf Kirsten aufgeschlossen. Und weil der alte, aber fröhliche Mann weiter so etwas ist wie eine Anti-Abstiegsversicherung, hat Geschäftsführer Thomas Eichin längst das achte Pizarro-Jahr an der Weser im Auge. Sowie sich Werder aus dem "Abstiegs-Matsch" gekämpft habe, kündigte er an, "werden wir uns zusammensetzen".

"Perspektivisch wichtig": Hertha verlängert mit John Brooks

Eichin fühlte sich am Samstag besonders gut. Womöglich hat er auf dem Wintertransfermarkt einen besonders guten Job gemacht, "obwohl ich ja eigentlich nichts machen wollte", wie er schelmisch sagte. Er hat den fehleranfälligen Innenverteidiger Assani Lukimya für zwei Millionen Euro nach China verkauft und stattdessen Papy Djilobodij vom FC Chelsea ausgeliehen. Der senegalische Nationalspieler überzeugte mit weiten, präzisen Pässen, hatte die meisten Ballkontakte (97) und gewann stolze 86 Prozent seiner Zweikämpfe. Eichin holte auch für läppische 300 000 Euro den Ungarn László Kleinheisler, der nach seiner Einwechslung "die Zweikämpfe suchte", wie Skripnik lobte. Pal Dardai, der ungarische Trainer von Hertha BSC, sagte über Kleinheislers Auftritt: "Das ist gut für den ungarischen Fußball und schlecht für mich." Was heißen sollte: Vielleicht war es ein Fehler, dass er den beidfüßigen Mittelfeldspieler nicht selbst verpflichtet hat.

Und das war aus Werder-Sicht noch nicht alles. Ein Angebot für Anthony Ujah, ebenfalls aus China, das dem klammen Verein mehr als zehn Millionen Euro in die Kasse gespült hätte, lehnte Eichin ab. Das wäre "geschäftlich die falsche Entscheidung gewesen", sagte Eichin, denn Ujah sei "für uns im Abstiegskampf lebenswichtig". Also: fast so wichtig wie Pizarro. Nur Sambou Yatabare, ein Nationalspieler aus Mali, konnte im ersten Heimspiel nach der Winterpause noch nicht begutachtet werden, aber auch den "haben wir nicht für die Vitrine gekauft", stellte Skripnik fest.

Der Tabellen-Sechzehnte Werder wirkt nun doch ganz gut gerüstet für den Kampf um den Klassenerhalt. Selbst der unglückliche Auftritt des Keepers Felix Wiedwald - beim 0:1 durch Vladimir Darida (29.) reagierte er ebenso wenig wie beim 0:2 nach einem Freistoß von Marvin Plattenhardt in die Torwart-Ecke (41.) - habe bei den Mitspielern "kein Kopfschütteln" ausgelöst, sagte der Trainer. Es hat sie eher angespornt, etwa den flinken Finn Bartels. Der zog in der 67. Minute am Mittelkreis los, ließ sich nicht bremsen und schoss mit dem linken Fuß zum 1:2 ein.

Dass der Tabellendritte Hertha selbst nach dem 1:3 durch Salomon Kalou vier Minuten später den Sieg nicht ins Ziel brachte, hat Dardai natürlich nicht gefallen. Die Rückrunde beginnt für die Berliner nicht so furios, wie die Hinrunde endete. Und doch scheint die Hertha auf einem guten Weg zu sein. John Anthony Brooks, der umworbene, 23 Jahre alte Innenverteidiger, hat seinen Vertrag bis 2019 verlängert, "perspektivisch wichtig", nannte Manager Michael Preetz den neuen Kontrakt. Den schnellen Bartels konnte Brooks aber genauso wenig stoppen wie den erstaunlich fitten Pizarro. "Pizza ist Pizza", hat Skripnik wieder gesagt. Ein größeres Lob gibt es derzeit in Bremen nicht. Außer vielleicht Skripniks Applaus für das gesamte Team. Er versicherte: "Diese Mannschaft steigt nicht ab."