Stürmer von Bayer Leverkusen Warum Kießling in die Nationalelf passt

Trotz Stürmernot verzichtete Bundestrainer Löw gegen die Niederlande auf Leverkusens Stefan Kießling - für viele Betrachter eine exzentrische Wahl. Kießling kann sich einreihen ins filigrane Kombinationsspiel, war zudem immer ein Kämpfer. Und wahrscheinlich nie besser als heute.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Rasenschach - die Fußball-Taktikkolumne Wieso spielt man Fußball ohne Stürmer?

Wegen akuter Personalnot experimentiert Bundestrainer Joachim Löw gegen die Niederlande mit einem System ohne Stürmer. Die Spielweise kann Gegner verwirren und Abwehrreihen überfordern, wie der FC Barcelona zeigt. Doch es birgt Gefahren. Das SZ-Taktik-Video.

(Video: Süddeutsche.de)

Stefan Kießling ist in der vergangenen Woche zu neuer Berühmtheit gelangt. Andere Fußballer werden berühmt, weil sie in die Nationalmannschaft berufen werden, Kießling bekam Beachtung, weil er mal wieder nicht in die Nationalmannschaft berufen wurde.

Das ist seit der WM 2010 in Südafrika, die er als Reservespieler erlebte, ständig passiert, aber diesmal ist es plötzlich aufgefallen, weil Joachim Löw beim Test gegen die Niederlande auf Miroslav Klose und Mario Gomez verzichten musste und keinen Mann mehr hatte, den er in den Strafraum schicken konnte. Warum also nicht Kießling einbestellen, der für Bayer Leverkusen seit vielen Monaten ein Tor nach dem anderen schießt? Doch der Bundestrainer hatte andere Pläne, er befahl den Dortmunder Mario Götze nach vorn. Viele Betrachter hielten das für eine exzentrische Wahl.

Löw mag seine Gründe gehabt haben, aber wenn er am Wochenende das Spiel zwischen Leverkusen und Schalke gesehen hat, dann wird er vielleicht ein wenig nachdenklich geworden sein. Kießling findet auch in einer Mannschaft, die raffiniert und schnell in die Spitze spielt, seinen Platz. Er ist auch nicht darauf beschränkt, mit seinen meterlangen Beinen und seinem wuchtigen Kopfball zu vollenden, was ihm seine Mitspieler vorlegen, er kann sich einreihen ins filigrane Kombinationsspiel. Wahrscheinlich war er nie besser als heute.

Kießling hat sein Spiel nicht verändert, er war immer der Kämpfer, der vor lauter Kampf nur die Hälfte seiner Torchancen nutzt. Aber er ist in diesen Zeiten noch wertvoller als früher, weil Bayer unter der Aufsicht seines unorthodoxen Trainerduos Lewandowski/Hyypiä das Offensivspiel geschärft hat. Es hat an Linie und Tempo gewonnen, die Schalker bekamen am Samstag beim 0:2 Schwindelanfälle, und auch die Bayern werden sich noch dunkel daran erinnern, dass ihnen neulich ein anderes, ein frecheres Bayer begegnet ist, als sie das in München gewohnt waren.

Womöglich werden sich manche Bayern sogar gedacht haben, dass sie diesen neuerdings erstaunlich zähen Leverkusenern auch ihre bislang einzige Bundesliga-Niederlage dieser Spielzeit zu verdanken haben, und dass man außer auf Schalke und Dortmund nun vielleicht auch auf Bayer Leverkusen zu achten hat. Darüber wird sich in München allerdings kein Verfolgungswahn einstellen. Die Bayern werden stattdessen beruhigt zur Kenntnis genommen haben, dass sie sich auch mal ein Remis erlauben dürfen, weil die ebenfalls international beschäftigte Konkurrenz immer wieder an Kapazitätsgrenzen stoßen wird.

Man darf außerdem annehmen, dass Schalke, Dortmund und Bayer 04 nicht mit dem Fernglas nach dem Tabellenführer gucken, sondern bis auf Weiteres aus dem Fenster auf die Tabellennachbarn. Der Leverkusener Aufschwung scheint zwar einige Substanz zu haben, dennoch lautet die Prognose nach dem zwölften Spieltag: Eher wird Stefan Kießling wieder Nationalspieler als Bayer Leverkusen deutscher Meister.