Stürmer im WM-Kader Petersen kann's kaum fassen, Wagner weint

  • Bei seiner Nominierung des vorläufigen WM-Kaders hat Bundestrainer Löw für Überraschungen gesorgt.
  • Dass er anstelle von Sandro Wagner lieber Nils Petersen mitnimmt, zeigt, wie wichtig ihm eine kollegiale Stimmung in Russland ist.
  • Bayern-Stürmer Wagner zeigt sich zutiefst frustriert, dass er nicht dabei ist.
Von Benedikt Warmbrunn

Zu Beginn ein Rätsel: Welches der folgenden Zitate stammt von einem Stürmer, der nicht in den vorläufigen deutschen WM-Kader berufen wurde: a) Was in dieser Saison passiert sei, reiche, um "diese für immer in guter Erinnerung zu behalten". b) "Ich will einfach Teil dieser tollen Mannschaft sein und ihr das zur Verfügung stellen, was ich kann. Früher habe ich gesagt, ich bin kein Einwechselspieler. Heute sind auch drei Minuten okay für mich." c) "Ich habe es verdient, da mitzufahren - und ich fahre da auch mit, da bin ich mir sicher."

Kleiner Tipp: Zitat c) war versehen mit der Einschränkung: "Ich kann es aber selber nicht entscheiden."

Die erzielten Tore waren diesmal nur ein Kriterium für den Bundestrainer bei der Frage, welche Stürmer er ins Trainingslager nach Südtirol und dann eventuell zur WM nach Russland mitnimmt. Die erzielten Tore hätten es ihm nicht leicht gemacht, da hätte er die Auswahl zwischen 15 Ligatoren (Nils Petersen), zwölf Toren (Sandro Wagner) und neun Toren (Mario Gomez) gehabt, wobei diese Tore ja wieder ins Verhältnis gesetzt werden müssen zu den jeweiligen Einsatzzeiten und zur Offensivkraft des SC Freiburg (Petersen), des VfB Stuttgart (Gomez) sowie des FC Bayern (Wagner). Eine komplizierte Rechnung. Weshalb auch die genannten Zitate eine Rolle gespielt haben dürften.

"Die Mannschaft muss auch außerhalb funktionieren"

Löw hat am Dienstag neben dem gesetzten Timo Werner (13 Tore für Leipzig) die Zitate a) und b) nominiert: Petersen, der mit seiner Berufung nicht gerechnet hat; und Gomez, der immer demütiger sprach, je näher der Tag der Kaderbekanntgabe rückte. Sandro Wagner, der Mann hinter Zitat c), steht nicht im Aufgebot. "Manchmal hat man auch nicht viele Argumente", sagte Löw, "das war keine Entscheidung gegen Sandro, er hat seine Klasse bei uns schon nachgewiesen." Es war eine Entscheidung für die Stimmung in der Mannschaft.

Es gehe, sagte Löw zu Beginn seines Kader-Rundganges, nicht allein um fußballerische Erwägungen. "Wir werden lange zusammen sein, die Mannschaft muss auch außerhalb funktionieren, das ist auch elementar." Eine Fortsetzung des Duells um einen WM-Platz zwischen Gomez und Wagner in Südtirol hätte durchaus ablenken können; zumal Wagner sich auch gerne als Typ der lauten, ehrlichen Töne darstellt. Ehrlich, echt, emotional, so lassen sich auch seine Tränen deuten, die er laut Bild-Zeitung am Nachmittag der Verkündung beim Bayern-Training vergossen haben soll. Im Mannschaftskreis wurde er immerhin von den Kollegen und Trainer Jupp Heynckes getröstet. Es war ein seltener Moment der Gefühligkeit beim sehr selbstbewussten Wagner.

Von Gomez und Petersen muss Löw kaum befürchten, dass sie sich nach einem Kurzeinsatz hinstellen und sagen, dass sie die besten Stürmer Deutschlands seien und schon ganz gerne ein bisschen länger spielen würden. "Die Nominierung ist eine sehr große Ehre für mich. Ich habe damit nicht wirklich gerechnet und bin sehr dankbar. Die Chance dabei sein zu können, ist die Krönung der Saison", sagte Petersen. Es sind leise Töne, wie sie Löw gerne hört.

Kein Bundesligaspieler hat mehr Jokertore erzielt als Petersen

Der zweitbeste Torjäger der abgelaufenen Saison, der ohne A-Länderspiel anreist, hat schon 2016 bei Olympia gezeigt, dass er sich gut in einen Kader einbringen kann; damals war Petersen neben den Bender-Zwillingen eine der Führungsfiguren der Elf, die Silber gewann, nach einem verschossenen Elfmeter von Petersen. Löw überzeugt jedoch nicht allein die Art des 29-Jährigen. "Nils hat in Freiburg bei einer Mannschaft, die nicht gerade viele Torchancen rausspielt, 15 Tore erzielt", sagte der Bundestrainer. Zudem sei Petersen "ein sehr, sehr guter Joker - wenn er reinkommt, ist er sofort da". 20 Tore hat Nils Petersen als Einwechselspieler erzielt, mehr als alle anderen Bundesligaspieler der Geschichte.

Ohne Wagner und den verletzten Lars Stindl sind die Chancen sogar relativ hoch, dass Löw das Trio Werner-Gomez-Petersen auch mit zur WM nimmt. "Ich habe das Gefühl, dass er mit der Aufgabe wächst", sagte Löw über Petersen, "von ihm verspreche ich mir einiges." Es ist ein Satz, der nicht zu einem Spieler passt, der noch gestrichen wird.

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