Streit zwischen Tuchel und Watzke Das sind die Hintergründe

Watzkes theoretischen Vorschlag, freiwillig aus dem Wettbewerb auszuscheiden, soll Tuchel abgelehnt haben. Watzke stellte dann vor Fernsehkameras sein Bedauern fest, dass man den Spielern eine so rasche Neuansetzung zumuten musste, aber sachlich sei es nicht anders möglich gewesen. Tuchels Darstellung war anders. Er sprach fortan nur noch anklagend davon, dass die Uefa "per SMS" kalt darüber informiert habe, dass am Folgetag gespielt werden musste. Das sei unmenschlich. So eroberte Tuchel die Lufthoheit über den digitalen Stammtischen. Indirekt beschuldigte er damit allerdings auch seine Vorgesetzten, die in den Tagen des Anschlags die Drecksarbeit unpopulärer Entscheidungen erledigen mussten.

Watzke glaubte offenbar, mit Tuchel Einigkeit zu haben, dass im extrem engen Spielplan-Korsett aus Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal kein anderer Spieltag möglich war. Tuchel dagegen schien, zumindest ist dies wohl die Sicht der tatsächlich Verantwortlichen beim BVB, auf der moralischen Welle zu surfen und sich als Stimme der Empathie und des Mitgefühls zu präsentieren, während die Vereinsbosse einem unmenschlichen Uefa-Plan quasi willenlos zugestimmt hätten.

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Tuchel suggerierte damit, dass er ganz auf einer Linie mit seinen Spielern sei, die ethische Instanz des seelenlosen Profi-Vereins. Und Tuchel konnte das tun, denn er hatte das Attentat selbst im Bus miterleben müssen. Zwischen Eheleuten würde so ein öffentlicher Streit um die moralische Oberhoheit als Scheidungsgrund wahrscheinlich ausreichen. Fußball aber ist zum Gutteil öffentlich, obwohl die Öffentlichkeit meist nur einen Bruchteil der Einsichten hat. Wer kann schon hinter den Kulissen mit Managern, Spielern, dem ganzen Umfeld selber sprechen?

Reinhard Rauball, Präsident des BVB sowie der Deutschen Fußball Liga DFL, sucht den Schulterschluss mit Watzke: "Es war an jenem Abend für uns nicht anders zu entscheiden. Aki Watzke hat da ganz herausragende Arbeit in einer unfassbar schwierigen Lage geleistet. Soweit ich weiß, ist Thomas Tuchel keineswegs nur mit einer SMS informiert worden. Weder er noch einer der Spieler haben von Watzkes Angebot Gebrauch gemacht, auf die Teilnahme am Spiel zu verzichten, wenn sie sich dazu nicht in der Lage sahen."

Schon seit Monaten, lange vor den schockierenden Erlebnissen des Anschlags am 11. April, haben Watzke, Manager Zorc und mehrere Spieler immer wieder den öffentlichen Meinungs-Dissens mit dem Trainer beklagt. Immer hinter vorgehaltener Hand, immer vertraulich. Schließlich gibt es eine Etikette, den eigenen Trainer nicht allzu öffentlich zu kritisieren. Alles andere würde an geschäftsschädigendes Verhalten grenzen.