Streit mit Blatter Fifa wollte "Afrika-Spende" vom WM-OK

Blatter und Beckenbauer im Jahr 2005.

(Foto: AFP)

Neues aus dem Fußball-Tollhaus: Die 6,7 Millionen Euro, die die Fifa 2002 vom DFB erhalten haben soll, genügten offenbar nicht. Wenig später forderte sie eine "Afrika-Spende".

Von Klaus Ott

Mitte 2003 ging bei dem von Franz Beckenbauer geleiteten Organisationkomitee (OK) für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ein Brief aus Zürich ein, der für Aufregung und Entsetzen sorgte. Der in der Schweiz ansässige Weltverband Fifa forderte doch glatt 40 Millionen Euro vom OK. 33 Millionen Euro für die Informations-Technik (IT) bei der WM, sowie sieben Millionen Euro "zum Zeichen der deutschen Solidarität mit Afrika". Das geht aus Unterlagen des OK hervor.

Eine Spende für Afrika? Merkwürdig, sehr merkwürdig. Vielleicht genauso merkwürdig wie jener Vorgang, der sich 2002 ereignet haben soll und der nach der Enthüllung des Spiegel nun die damalige OK-Spitze um Beckenbauer, den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit seinem Chef Wolfgang Niersbach und die Fifa inklusive ihrem momentan gesperrten Präsidenten Sepp Blatter in höchste Not bringt.

Anfang 2002 soll Blatter in einem Gespräch mit Beckenbauer zehn Millionen Schweizer Franken verlangt haben. Als Voraussetzung dafür, dass die Fifa dem deutschen OK 250 Millionen Franken als Zuschuss für die WM gebe. Das Geld soll dann der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vorgestreckt und später auf Umwegen zurück bekommen haben. Die Fifa und Blatter dementieren das, allerdings eher verhalten. Waren das vielleicht zehn Millionen Franken für eine schwarze Fifa-Kasse? Möglich ist alles, bewiesen ist nichts.

"Einmaliger Vorgang"

Für den mutmaßlichen Vorgang aus dem Jahr 2002 gibt es bislang keine Unterlagen. Anders als bei der Fifa-Forderung im Jahr 2003. Da ist Vieles dokumentiert. Zum Beispiel der Entwurf für ein Antwortschreiben des deutschen OK an Blatter vom 8. Juli 2003, der sich in den Akten der Bundesregierung befindet, die mit diesem Fall befasst war. Der Briefentwurf zeigt, wie groß der Unmut im OK über die von der Fifa verlangte Afrika-Spende und weitere Forderungen war.

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Die Fifa hatte den OK-Unterlagen zufolge die Spende damit begründet, dass die nächste Weltmeisterschaft nach dem Turnier in Deutschland nach Südafrika vergeben worden war. Die sieben Millionen Euro sollten der "Sicherung von Know-How-Transfers" für die WM 2010 dienen. So die offizielle Version der Fifa. Dazu kam das gewünschte Geld für die Informations-Technik der WM 2006.

"Dieses Vorgehen dürfte ein in der Geschichte der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaften einmaliger Vorgang sein", sollte OK-Chef Beckenbauer zusammen mit zwei Kollegen an Blatter schreiben. Das IT-Geld zu verlangen, "und gleichzeitig eine Solidaritätsabgabe für Afrika einzufordern, bedeuten aus unserer Sicht einen glatten Bruch des OAA." OAA, Das steht für Organising Association Agreement, Organisations-Abkommen.

Aufregung über den "kategorischen Imperativ" der Fifa

Das OK regte sich laut dem Brief-Entwurf sogar über die "Stilistik" in dem vorangegangenen Fifa-Schreiben auf. Der Weltverband habe seine Begehren in einem "kategorischen Imperativ" verkündet. Das sei ungewöhnlich und unter Sportverbänden nicht hinnehmbar. Dass die Fifa ihre Forderungen auch noch mit der Formel garniert hatte, das Turnier in Deutschland werde bestimmt eine "unvergessliche WM", sei ein "Hohn".

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Ob der Briefentwurf von Beckenbauer unterschrieben und das Schreiben an Blatter auch abgeschickt wurde, geht aus den Regierungsakten nicht hervor. Dokumentiert ist aber, wie die Geschichte ausging. Offenkundig unter Einschaltung der Regierung wurde eine Lösung gefunden, in der es um spätere Zahlungen in Höhe von 20 Millionen Euro ging und eine Beteiligung des OK an eventuellen Gewinnen. Und die Afrika-Abgabe kam in einem am 15. August 2003 formulierten Vergleich nicht mehr vor. Also keine Spende für Afrika.

Irritierend an diesem Vorgang ist allerdings nicht nur das Verhalten der Fifa. Sondern auch der Unmut des deutschen OK über den angeblich "einmaligen Vorgang". War das, was 2003 passierte, wirklich einmalig? Schließlich hat Beckenbauer diese Woche seinem Vertrauten Niersbach (so dessen Darstellung) zwecks vermeintlicher Aufklärung der OK-Affäre berichtet, was ihm bereits Anfang 2002 widerfahren sein soll. Dass nämlich Blatter von ihm, Beckenbauer, die zehn Millionen Franken verlangt und dann von Dreyfus bekommen haben soll. Es gibt viele einmalige Vorgänge in der Fifa. Die Frage ist nur, welcher am einmaligsten ist.

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