Streit beim Hamburger SV Gestresst von einem Maulwurf

In einem geheimen Brief wirft der Vorstand des Hamburger SV dem eigenen Aufsichtsrat rufschädigendes Verhalten vor. Prompt landet das Papier in der Boulevardpresse. Allein sportlicher Erfolg kann den Klub befrieden - doch der ist so unsicher wie eh und je.

Von Carsten Eberts, Hamburg

Hanseatisch, das heißt weltläufig. Aber auch verbindlich. Wer etwa im Norden eine Verabredung trifft und diese per Handschlag besiegelt, muss nicht fürchten, dass sich der Vertragspartner wieder zurückzieht. Oder hinter seinem Rücken Geheimnisse ausplaudert. Auch wenn es ein ungeschriebenes Gesetz ist, galt es so jahrhundertelang.

Wer diesem Ehrenkodex folgt, muss feststellen, dass es ausgerechnet beim größten Fußballklub im Norden, dem Hamburger SV, reichlich unhanseatisch zugeht. Das beweist der HSV fast im Wochenrhythmus.

Mitte Juli, es ist wieder so weit. Nach heftigen Streitigkeiten um die Außendarstellung des Vereins hat der Vorstand des Klubs, unter anderem im Namen von Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow und Sportdirektor Oliver Kreuzer, einen geheimen Brief geschrieben. Der grobe Inhalt: Der Aufsichtsrat solle sich zurückhaltender zur aktuellen Finanzlage äußern, nicht jedes Detail an die Boulevardpresse weitergeben. Sonst nehme der Verein großen Schaden.

Der Brief liegt mittlerweile der Sport Bild vor, die das Dokument auch fröhlich abdruckte. Niemand hat die Existenz des Schreibens bislang bestritten. Die Frage muss natürlich lauten: Wie gelangt ein geheimes Papier, das offenbar nur an elf Aufsichtsräte und den Ehrenrat verschickt wurde, auf ziemlich direktem Wege an die Presse?

Auslöser für das Schreiben war ein Zeitungsbericht von Anfang Juli, in dem zahlreiche Details zur Finanzkrise des Klubs genannt wurden. Der HSV wird das dritte Geschäftsjahr in Serie mit einem Millionenminus abschließen. "Wir fahren voll gegen die Wand", wurde ein nicht näher genanntes Mitglied des Aufsichtsrats warnend zitiert. Im Brief heißt es nun: "Die aktuelle Berichterstattung, die auf dem vollständig unprofessionellen und unseriösen Verhalten von Aufsichtsratsmitgliedern fußt, ist für den Hamburger Sport-Verein sowohl rufschädigend als auch geschäftsschädigend."

Elf Personen sitzen im Hamburger Aufsichtsrat, die sich grob zwei Gruppen zuordnen lassen. Fanvertreter der Gruppe "Supporters" treffen auf Vertreter aus anderen Bereichen. Insgesamt ein bunter Haufen, darunter ein Theaterbesitzer, ein Enkel von Heinz Erhardt und eine ehemalige Hockeyspielerin. Zuletzt haben vier Wirtschaftsvertreter das Gremium verlassen. Erstmals seit Existenz des Gremiums steht seit Anfang 2013 ein Fanvertreter dem Aufsichtsrat vor: Manfred Ertel, hauptberuflich Spiegel-Journalist, der maßgeblich am Putsch gegen Präsident Bernd Hoffmann mitgewirkt hatte.

Für den Vorstand um Jarchow sind einzelne Aufsichtsratsmitglieder Schuld am aktuellen Kommunikationsdebakel. "Ich bin erschüttert über die Chuzpe, dass immer wieder Interna nach außen gelangen", sagte Jarchow: "Wir schaffen es immer, den Eindruck zu erwecken, als wären wir total pleite." Das helfe weder bei Verhandlungen mit Sponsoren, noch bei Gesprächen mit Spielern, die dringend zum HSV kommen sollen.