Strafe für Formel-1-Pilot Sutil Hoher Preis für einen Discostreit

Adrian Sutil wird zu eineinhalb Jahren auf Bewährung und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Sutils Zukunft in der Formel 1 ist ungewiss, vor allem wegen der wichtigen Sponsoren: Was sagen die Geldgeber zur Verpflichtung eines eventuell Vorbestraften?

Von Michael Neudecker

Adrian Sutil wirkt immer ruhig, immer besonnen, das war schon am ersten Prozesstag so: Als ob er mit seiner Mimik unterstreichen wollte, dass er weit entfernt ist von einem, dem man zutraut, eines Tages hier zu sitzen, im Strafjustizgebäude München, zur Verhandlung wegen Körperverletzung. Aber der Formel-1-Fahrer Adrian Sutil aus Gräfelfing, grauer Anzug, dunkelblaue Krawatte, das Haar angelegt, ist ja doch hier, in Raum B177, in der Stuhlreihe vorne links, wo die Angeklagten sitzen. Sutil schaut Richterin Christiane Thiemann an, als sie am Dienstagvormittag das Urteil verliest. Er bewegt sich nicht.

Ungewisse Zukunft: Formel-1-Pilot Adrian Sutil.

(Foto: dpa)

Ein Discostreit, so ist diese Angelegenheit oft bezeichnet worden, in der am Montag acht Stunden verhandelt wurde, ehe am Dienstag die Schlussplädoyers folgten. Der Rennfahrer Adrian Sutil, 29, ist vom Luxemburger Geschäftsmann und Formel-1-Teambesitzer Eric Lux beschuldigt worden, er habe ihm während einer Party in einem Nachtklub in Shanghai nach dem Rennen am 17. April 2011 mit einem Champagnerglas eine Schnittwunde am Hals zugefügt, zwei Narben, eine 7,5, die andere 1,8 Zentimeter lang. Die Wunde habe die Halsschlagader nur um einen Zentimeter verpasst, wie der Sachverständige darlegte.

Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe, die für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird, so lautet das Urteil, dazu eine Geldstrafe von 200.000 Euro. Die Richterin folgte weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Sutils Darstellung, er habe Lux lediglich weggestoßen, könne sie nicht glauben, sagte Thiemann, "für mich gibt es keine andere Erklärung, als dass es ihm bewusst war, dass der Schlag auf den Hals zu lebensgefährlichen Verletzungen führen kann".

Es ist eine heftige Strafe, auch die Geldstrafe trifft Sutil. Er habe vergangenes Jahr 750.000 Euro verdient, sagt Sutil dem Gericht, zudem habe er bei seinem Management Schulden von 600.000 bis 800.000 Euro, und seine Wohnung in der Schweiz koste 2600 Schweizer Franken (2200 Euro) monatliche Miete. Nach einer Woche würde das Urteil rechtskräftig, aber es ist anzunehmen, dass Sutil und Verteidiger Jürgen Wessing in Berufung gehen. Sutils Manager Manfred Zimmermann hat das in der Pause vor der Urteilsverkündung angedeutet.

Da war schon klar, dass Sutil kaum mit einem milden Urteil würde rechnen können. Nicole Selzam, die Staatsanwältin, ließ keinen Zweifel daran, wovon sie ausgeht: Dass Sutil vorsätzlich gehandelt hat. Selzam behandelt normalerweise ganz andere Fälle, Mordfälle etwa, auch beim Fall des zu Tode geprügelten Dominik Brunner war sie eine der Staatsanwältinnen. Sutils Aussage, er habe Lux im Affekt weggestoßen, bezeichnet sie als "abenteuerlich", er habe "Formulierungen gewählt, die einstudiert wirkten", seine Version halte sie für eine "lächerlich anmutende Reflex-Einlassung".

Noch vor dem Prozess hatte sie Sutil angeboten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit einen Strafbefehl für ein Jahr auf Bewährung auszustellen; hätte Sutil unterschrieben, hätte kaum jemand davon erfahren, und die Geschichte wäre wohl in den Redaktionsmülleimern gelandet, Adrian Sutil ist ja nicht Michael Schumacher. Aber jetzt? Beim Prozess waren mehrere Kamerateams und Fotografen da, ein Dutzend Reporter verfolgte die Verhandlung aus Reihe eins.

Der Belgier Bertrand Gachot saß 1991 nach einer Reizgas-Attacke auf einen Taxifahrer zwei Monate im Gefängnis, aber sonst gibt es wenig vergleichbare Fälle in der Geschichte. Ein Formel-1-Pilot live vor Gericht, das ist ungewöhnlich.