Der FC St. Pauli hat ein Problem: unerwartet viel Geld.
Hamburg - Mit einem wohligen Schauer erinnern sich die Fans des FC St. Pauli noch immer an jene lauen Juni-Nächte, die unter dem Motto "Saufen für St.Pauli" standen und pro Getränk 50Cent in die leere Vereinskasse spülten. Auch die Freiluftkonzerte und Kinoabende im Millerntorstadion waren schönere Erlebnisse als jene 37 Niederlagen, die der Klub auf dem Weg von der ersten in die dritte Liga in nur zwei Jahren kassierte; und dass sich der früher verhasste Bayern-Manager Uli Hoeneß neulich beim Benefizspiel des FC Bayern gegen die Gebeutelten freundlich lächelnd das braune T-Shirt mit der Aufschrift "Weltpokalsiegerbesieger-Retter" über den Bauch streifte, werden sie ihm auf dem Kiez auch nie vergessen. Es war ein Höhepunkt im bunten Aktionsprogramm, mit dem sich der angeschlagene Klub wenigstens die Regionalliga-Lizenz sicherte und das - inklusive der Einnahmen aus 100000 verkauften Retter-Shirts und mehr als 11 000 Dauerkarten - rund vier Millionen Euro einbrachte.
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Doch die Zeit der Happenings geht nun zu Ende. Das für den 3. September vorgesehene Benefiz-Derby gegen den Hamburger SV wurde abgesagt, weil St.-Pauli-Fans unlängst eine HSV-Party stürmten und dabei zwei Polizisten zu Schaden kamen. Und besonders Trainer Franz Gerber, 49, tut sich schwer mit der neuen Realität, die eben nicht mehr die eines Profiklubs ist, sondern trotz erfolgreicher Bettelei vom Sparzwang bestimmt wird. Der komfortable schwarze Mannschaftsbus mit dem Totenkopf wurde abgeschafft, die 3000 Euro für die Hotelübernachtung vor dem ersten Punktspiel in Wattenscheid wurden erst genehmigt, nachdem Gerber heftig interveniert hatte und das Präsidium einsah, "dass man aus einem müden Esel nichts rausholen kann", wie Vize-Präsident Guntram Uhlig sagt.
Gerber stichelt fast täglich gegen die Vereinsführung um Präsident Corny Littmann, in der er vornehmlich "Ahnungslose" wähnt. Auch die Hamburger Medien haben sich auf die St.-Pauli-Führung eingeschossen, die unbeirrt die Rückkehr in den Profifußball anpeilt. Süffisant berichten die Blätter über echte und angebliche Pannen im Alltagsgeschäft. Im Internet-Forum klagen Fans: "Corny turnt in Talkshows rum, andere spinnen von Vip-Zelten. Lernen die denn nie?" Littmann wiederum nervt am früheren Torjäger Gerber (Spitzname "Schlangen-Franz"), dass dieser keinen Sinn für die konservative Haushaltspolitik zu haben scheint, die dazu führte, dass nur wenige Wunschtransfers des Trainers zustande kamen.
Mehr als hundert Spieler wurden Gerber angeboten, 16 hat er verpflichtet, um die 22 Weggänge nach dem Abstieg zu kompensieren - die meisten Neuen sind für ihn keine Traumtypen. Wenig kann Gerber damit anfangen, wenn Uhlig die Gruppe einen "lustigen Haufen" nennt. In diplomatischen Momenten sagt Gerber: "Diese Mannschaft braucht noch Zeit." Manchmal ist er deutlicher: "Die können nicht Fußball spielen." Eine Einschätzung, die nach dem äußerst glücklichen 1:1 zum Auftakt in Wattenscheid sogar einer der Gegner bestätigte. Wattenscheids Abwehrspieler Michael Struckmann orakelte: "St.Pauli spielt gegen den Abstieg, die konnten ja gar nichts."
Für Verstimmung sorgen in diesen Tagen sogar positive Nachrichten. Als Boss Littmann verkündete, der Etat werde von 1,3 auf 2,5 Millionen Euro aufgestockt, reagierte Trainer Gerber irritiert. Er wusste von nichts. Dass erst jetzt Geld da sein soll, mit dem man früher einige Stammspieler hätte halten können, will ihm nicht in den Kopf, schließlich zeichneten sich die Einnahmen aus den Rettungsaktionen ab. Das Präsidium kontert, erst die späten Abschlüsse mit neuen Sponsoren ermöglichten die Großzügigkeit. Mit dem frischen Geld konnte sich der Klub immerhin einen Torhüter wie Achim Hollerieth genehmigen; außerdem sollen zwei weitere Spieler kommen, darunter der bisherige Pauli-Profi Yakubu Adamu, der unlängst noch ein Gehalt von 5000 Euro abgelehnt hatte.
Cory Gibbs und Nascimento hoffen die Verantwortlichen mit einer kleinen Finanzspritze vom Bazillus der Lustlosigkeit heilen zu können. Beide sind verstimmt, weil der Verein auf geltende Verträge pocht und sie nicht zu Dumping-Ablösen gehen lassen will. Dabei bietet der etwas andere Klub selbst in der dritten Liga noch gute Chancen, sich weiter für das Profigeschäft zu empfehlen. "St.Pauli", glaubt Vize-Präsident Uhlig, "ist wie das Hansa-Theater: kleine Bühne, große Wirkung."
Jörg Marwedel
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