Stebe verliert Auftaktmatch im Davis Cup Unterlegener Krieger in kühler Luft

Der junge Cedric-Marcel Stebe sollte die Eitelkeiten und Streitigkeiten im deutschen Davis-Cup-Team ausgleichen. Doch er hält dem Druck nicht stand und verliert das erste Einzel gegen den Australier Bernard Tomic - dann gleicht Florian Mayer aus. Das Team von Patrik Kühnen erwartet ein harter Kampf in der Relegation gegen den ersten Abstieg nach 2003.

Von Philipp Schneider, Hamburg

Er nahm sich jetzt die Zeit, er musste noch etwas regeln, er sah doch noch immer aus wie Cedrik-Marcel Stebe. Er sah aus wie ein junger Tennisspieler, gelistet auf Weltranglistenplatz 127, mit leicht ungekämmter Strubbelfrisur, er sah noch nicht aus wie ein erfahrener Profi, der an diesem Freitag in Hamburg das deutsche Männertennis retten sollte. Sein Outfit stimmte noch nicht.

Auftaktniederlage im Kampf gegen den Abstieg: Cedric-Marcel Stebe verliert gegen Bernard Tomic.

(Foto: dpa)

Sein Gegner, der Australier Bernard Tomic, stand also bereits am Netz, er hüpfte leicht ungeduldig in die Höhe, er wartete auf Stebe, der sich jetzt in das Haare griff und dann in aller Ruhe an seinem Stirnband zu fummeln begann. Höher, tiefer, nein, doch besser etwas höher, es dauerte eine Weile, aber dann hatte er es in optimale Position geschoben: ganz knapp unter dem Haaransatz. Dann ging er hinüber zu Tomic, kurzer Handshake, und ja, jetzt sah Cedrik-Marcel Stebe tatsächlich schon etwas gefährlicher aus. Fast wie ein Krieger.

Auch wenn er noch immer nur Stebe war. 21 Jahre alt. Aus Vaihingen an der Enz.

Und der verlor 6:2, 3:6, 4:6, 6:7 (4:7). Damit hatte Deutschland genau die eine Partie verschenkt, die es wohl niemals verloren hätte - wäre es in Bestbesetzung angetreten. Und vielleicht hätte es am Freitagabend sogar 2:0 für Deutschland stehen können, denn Florian Mayer gewann seine Partie gegen den ehemaligen Weltranglistenersten Lleyton Hewitt fast überraschend deutlich mit 7:5, 6:3, 6:2. "Deutschland gleicht aus! Florian Mayer ist Deutschlands Nummer eins!", Worte voller Pathos tönten aus den Lautsprechern, die Zuschauer feierten ihn mit stehenden Ovationen - und Mayer selbst, er stand unten im roten Sand. Er grinste. Und dann applaudierte er ein wenig zurück.

Es war natürlich nicht die Schuld von Cedrik-Marcel Stebe, dass das deutsche Davis-Cup-Team an diesem Wochenende im Relegationsspiel gegen Australien am Hamburger Rothenbaum ohne seine beiden besten Spieler antritt: Ohne Tommy Haas, der am Ende seiner kräfteraubenden Comeback-Saison lieber Zeit mit seiner Familie in den USA verbringen wollte. Und ohne Philipp Kohlschreiber, der wegen eines persönlichen Zerwürfnisses mit Teamchef Patrik Kühnen von diesem gar nicht erst nominiert worden war.

Aber es war Stebe, der in der wichtigsten Partie seit 2003 (damals war Deutschland zuletzt aus der Weltgruppe abgestiegen) die Eitelkeiten und Streitigkeiten im Männertennis ausgleichen sollte. Und er musste sogar gleich das Eröffnungseinzel am Freitag bestreiten, bei dem traditionell der größte psychische Druck auf den Spielern lastet.

Doch nervös wirkte Stebe kaum. Er startete sogar fulminant, er gewann den ersten Satz 6:2 und beschloss ihn mit einer präzisen Vorhand in die hinterletzte Ecke des Platzes. Stebe spielte sogar zeitweise mutig. Er wagte listenreiche Stoppbälle, die kurz hinter dem Netz zu Boden fielen und Tomic zermürbt hätten. Wäre es denn so einfach möglich, einen Bernard Tomic zu zermürben, dessen Tennis teilweise genialische Züge trägt.

"Ich bin am Anfang gut gestartet. Ich habe dann ein bisschen nachgelassen und nicht so gut dagegengehalten", sagte Stebe anschließend und befand selbstkritisch: "Ich habe ein paar zu viele Fehler gemacht in wichtigen Situationen."

Es gibt im Tennis diese Momente, in denen ein Spiel vielleicht noch hätte gewendet werden können. Es sind Sekunden, in denen der Zuschauer sofort merkt, dass gerade etwas geschieht, das noch Bedeutung erlangen könnte. Für Stebe war es sein Break im vierten Satz zum 2:4 - als Tomic eine Rückhand nur wenige Zentimeter hinter die Grundlinie spielte. Stebe jedenfalls ballte die Faust, er klopfte sich auf die Brust. Er war jetzt tatsächlich wie ein Krieger und er schrie seinen Ärger in die kühle Luft, die in Hamburg durch das Stadion zog. Die Menge ließ sich von der Geste bewegen, die Zuschauer tobten auf den nur zu einem Viertel besetzten Tribünen am Rothenbaum.

Dann folgte dieses denkwürdige zehnte Spiel: Tomic hämmerte bei eigenem Aufschlag erst einen Vorhand-Passierschlag ins Feld, den nächsten spielte er zu lang: 15:15. Tomic' nächste Vorhand landete wieder im Feld; Patrick Kühnen erhob sich jetzt von der Bank, er schrie Stebe noch einmal etwas zu. Dann folgte eine seltene Unpräzision des Australiers mit der Rückhand, er schlug erst ins Seitenaus, dann ins Netz. Break für Stebe zum 5:5.

Die Wende war nah, doch als die Partie dann in den Tiebreak ging, als es also psychologisch wurde, da spielte der zwei Jahre jüngere Tomic, als wäre er zehn Jahre älter. Nach 3:17 Stunden nutzte der 42. der Weltrangliste seinen ersten Matchball zur 1:0-Führung für die Gäste.

Der Vertrag von Teamchef Patrik Kühnen läuft Ende des Jahres aus. Und auch wenn er mit der Ausbootung von Philipp Kohlschreiber ein sportliches Risiko eingegangen ist, gilt seine Vertragsverlängerung als sicher. Selbst im Abstiegsfall, der droht. Das hat das Präsidium des Deutschen Tennis-Bundes versichert.

Stebe jedenfalls lief nach dem Matchball ans Netz und gratulierte artig dem Sieger. Er zog sein Stirnband wieder herunter und Kühnen strubbelte ihm tröstend durch das Haar. Vielleicht war die Last auf ihm zu groß gewesen. Er sah nun auch wieder aus wie Stebe. Weltranglistenplatz 127.