Start der Rugby-WM Drei Milliarden wollen die All Blacks sehen

Bereits für die Titelverteidigung: Byron Kelleher (rechts) und die All Blacks.

(Foto: AFP)

Die Rugby-WM gehört zu den größten Sportevents der Welt. Wie stark ist Topfavorit Neuseeland? Wie weit trägt der Mythos Twickenham die Engländer im eigenen Land? Und warum ist Deutschland wieder nicht dabei?

Von Sven Haist, London

Vom 18. September bis zum 31. Oktober finden in England und Wales die achten Rugby-Weltmeisterschaften statt. Warum dauert das Turnier sechs Wochen? Wer sind die Favoriten? Und warum ist Deutschland wieder nicht dabei? Hier alle wichtigen Fragen und Antworten zum Start der Rugby-WM.

Wie groß ist die WM?

Noch bevor die Rugby-Weltmeisterschaft am Freitagabend beginnt, lässt sich ein Sieger vom Podium schon gar nicht mehr verdrängen: die Wirtschaft Englands. Anders als im Fußball erstreckt sich die WM trotz nur 20 teilnehmenden Nationen (vier Gruppen à fünf Länder) auf sechs Wochen, um den Teams genügend Erholungsphasen einzuräumen. Folglich halten sich auch die auf eine halbe Million geschätzte Anzahl an Gästen länger in England auf als bei jedem anderen Sportereignis der Welt. Menschen aus mehr als 80 Nationen werden erwartet, die Hochrechnungen zufolge dazu beitragen, Englands Wirtschaft mit 2,2 Milliarden Pfund zu stärken.

Wie groß ist die Aufregung in England?

Durch die geschickte Verteilung der 13 Standorte über England und Wales hinweg, lässt der englische Rugby-Verband fast das ganze Land an der WM teilhaben. Der Norden ist mit Newcastle, Leeds und Manchester abgedeckt, Brighton und Exeter tauchen im Süden auf. Ebenso haben die Organisatoren Rugby-Hochburgen wir Leicester berücksichtigt. In London gibt es mit Twickenham, Wembley und dem Olympiastadion gleich drei Schauplätze zur Auswahl; in der Summe finden in London 17 Begegnungen statt. Die Euphorie ist bereits gewaltig, und sie dürfte noch zunehmen: Mitte Oktober, wenn die Premier League im Fußball für zwei Wochen pausiert.

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Wer ist der Favorit?

Es wird einer gewaltigen Leistung bedürfen, um Titelverteidiger Neuseeland die Web-Ellis-Trophäe zu entreißen. Haben den All Blacks bei früheren Turnieren gerne mal die Nerven versagt, gelten sie seit dem Triumph im eigenen Land 2011 als Seriensieger. Zwölf Spieler des aktuellen Kaders erlebten den Heimsieg mit, sechs von ihnen werden sich nach der WM aus dem Nationaltrikot verabschieden: Kapitän Richie McCaw, 34, schleppt mittlerweile 142 Länderspiele über den Platz, zusammen mit Dan Carter, Ma'a Nonu, Conrad Smith, Kevin Mealamu und Tony Woodock kommen Neuseelands Routiniers auf 674 Einsätze für die All Blacks. Begehen sie keinen Fehler, werden sie auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft aufhören.

Welche Chancen haben die Außenseiter?

Hinter dem Branchengiganten Neuseeland spekulieren die Gastgeber England und Wales darauf, von der Euphorie in die Endphase des Turniers getragen zu werden. Großes Interesse an einem Sturz des Titelträgers und auch die Fähigkeit dazu haben die Australier, die eine besondere Rivalität mit den "Kiwis" pflegen. Dazu dürfen der zweimalige Weltmeister Südafrika und Frankreich, die schon drei Mal das Finale erreichten, bei den Prognosen nicht fehlen.

Seit wann mischen die USA im Rugby mit?

Das Auftreten der amerikanischen Rugby-Nationalmannschaft passt so gar nicht zum extrovertierten Charakterbild der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA haben zwar abgesehen von der WM 1995 in Südafrika bislang noch kein Großereignis verpasst, wirklich Notiz aber hat die Welt von ihnen nicht genommen. Bei allen sieben Teilnahmen ging es nach Vorrunde raus.

Hilft England der Mythos Twickenham?

Der Heimvorteil Englands war nach Bekanntgabe des Spielplans kurzzeitig dahin. Gleich im Auftaktspiel müssen die Gastgeber als nominelles Auswärtsteam antreten, was für die Spieler statt den geliebten weißen Trikots den Umzug auf rote bedeutet. Und schlimmer noch: Im Nationalstadion Twickenham bleibt England nur die Auswärtskabine. Abgesehen davon wird der Titelträger von 2003 kaum mit unliebsamen Dingen konfrontiert werden. Der Start- und Ausgangspunkt ist mit Twickenham dramaturgisch geschickt gewählt, dieses Stadion besitzt für Rugbyfans die Anziehungskraft des Wembley für Fußballer. Im Idealfall bestreitet die Nationalmannschaft sechs ihrer sieben Partien in der mit 82 000 Zuschauern größten reinen Rugby-Arena Englands, das Finale dann am 31. Oktober.