Start der Paralympics Vom Model aus den USA bis zum Deserteur aus Nordkorea

Andrea Eskau ist die deutsche Fahnenträgerin in Pyeongchang.

(Foto: Jan Woitas/dpa)
  • Die 12. Paralympics, die Winterspiele für Sportler mit Behinderung, beginnen in Pyeongchang mit Rekordzahlen und inspirierenden Geschichten.
  • Doch wie bei Olympia geht es auch ums Geschäft, Doping und Politik.
Von Sebastian Fischer und Ronny Blaschke

Es gehört zum Programm, vorher Rekorde zu vermelden. Der Sport für Menschen mit Behinderung ist eine wachsende Bewegung, die immer professioneller wird, jedenfalls in der Spitze. Die Spiele bekommen mehr Öffentlichkeit, sie erreichen Menschen fast überall. Und deshalb hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) am Vortag der Eröffnungsfeier in Pyeongchang an diesem Freitag sozusagen eine obligatorische Mitteilung verschickt: Die 12. Winter-Paralympics werden die größten der Geschichte! 567 Athleten sind am Start, so viele wie nie, aus 49 Nationen, so vielen wie nie. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier waren bereits rund 85 Prozent von 310 000 Tickets verkauft.

Die Spiele stehen für Inspiration: Sport trotz Einschränkungen, das sei "die Kernaussage", sagt Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), "das kann uns keiner nehmen". Doch sie stehen auch für Spitzensport, Dopingprobleme, Inszenierung und Geschäft. Fünf beispielhafte Geschichten.

Wandeln zwischen den Zeiten

Kaum jemand hat aus so begrenzten Möglichkeiten so viel gemacht wie Andrea Eskau, 46, die Fahnenträgerin des deutschen Teams. Eskau ist eine Jahreszeiten-Wandlerin: Sie startet im Sommer auf dem Handbike, im Winter im Biathlon und als Langläuferin. Sie hat neun paralympische Medaillen gewonnen, davon sechs in Gold. In Pyeongchang ist sie sieben Mal am Start.

Mit 27 stürzte Eskau mit dem Fahrrad, seitdem ist sie querschnittsgelähmt. Sie war vor dem Unfall sportlich, sie ist es danach geblieben - nur, dass sie nun eben zur Weltspitze gehört. Wenn sie ihre Ideale beschreibt, wirkt sie fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Sie sagt: "Ich komme aus dem Osten. Wir haben Sport aus Spaß getrieben. Wir wollten uns vergleichen." So einfach kann das sein.

Eskau kann Sport und Beruf aufeinander abstimmen. Im Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Bonn forscht sie zum Behindertensport, wird vom DBS gefördert, nur wenige Athleten können unter solchen Bedingungen trainieren. Doch es sind auch nur wenige Athleten, die dem Sport so viel geben. Nach Pyeongchang denkt sie schon an Tokio, den Gastgeber der Sommerspiele 2020. Fürs Handbike muss sie mehr Ausdauer trainieren - und jene Muskeln, die gerade im Winterschlaf sind.

Model mit Prothese

"Wir können nicht genug bekommen von Brenna Huckaby!", twitterte die Zeitschrift Sports Illustrated im Februar auf einem besonderen Kanal: dem ihrer berühmten "Swimsports Issue". Dazu läuft im Tweet ein Video eines Foto-Shootings am Strand. Zu sehen ist eine Frau im Bikini mit lila Haaren - und einer Bein-Prothese.

Brenna Huckaby aus den USA ließ sich als erste Para-Sportlern als Bikini-Model für die „Sports Illustrated“ fotografieren.

(Foto: Tom Pennington/Getty Images)

Huckaby, 22, geht als Snowboarderin für die USA an den Start. Zu den Bildern, den ersten dieser Art von einer paralympischen Sportlerin, sagt sie: "Meine Motivation war, der Welt zu zeigen, wie selbstbewusst und stolz ich bin. Ich kann schön sein." Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die USA, einer der wichtigsten Sportmärkte, sich trotz ihrer bedeutenden Rolle im Kampf für Rechte von Menschen mit Behinderungen nur bedingt für die Paralympics interessieren. So steht es jedenfalls in einem jüngst erschienenen kritischen Beitrag im Boston Globe: "Die Paralympics passen nicht in die Gleichung. Sie sind nicht so einfach in das sexy, profitable Entertainment zu verwandeln, das zentral ist im Leben der Amerikaner."

Der Beitrag auf Twitter gefällt 390 Menschen. Es wirkt wie ein wichtiger Anfang.

Start mit Kratzern

Sechs Medaillen, drei goldene, drei silberne, das sind die Zahlen der russischen Biathletin und Langläuferin Michalina Lisowa, 25, bei den Paralympics in Sotschi 2014. Doch es gibt auch noch andere, umstrittene Zahlen zu Lisowas Erfolgen: vier Dopingproben, viermal Kratzer, viermal Manipulationsverdacht. So steht es in einer Auswertung des McLaren-Reports zum russischen Dopingskandal, die unter paralympischen Wintersportlern kursiert. Und das sorgt nun für Debatten.

Umstritten: Langläuferin Michalina Lisowa aus Russland war die Gewinnerin bei den Paralympics in Sotschi 2014.

(Foto: Mark Kolbe/Getty Images)

Im öffentlichen Teil des McLaren-Reports geht es ausdrücklich um Betrug auch bei den Paralympics, das Manipulationssystem fand damals seine Fortsetzung. Im Report ist, ohne Nennung von Namen, von sechs Gewinnern von 21 Medaillen die Rede, deren Proben gefälscht gewesen seien. Das hat das IPC aber nicht davon abgehalten, russische Sportler als "Neutrale Paralympische Athleten" zuzulassen. "Einen Schlag ins Gesicht der sauberen Sportler", nannte das DBS-Präsident Beucher.

Die Bedingungen für die Nominierung waren unter anderem zwei negative Dopingproben in den vergangenen sechs Monaten - und keine Nennung im McLaren-Report oder "folgenden Ermittlungen". Zunächst hieß es, 30 Athleten umfasse das Aufgebot. Doch nun wurde Lisowa, die als neutrale Athletin die Biathlon-Weltrangliste für Sehbehinderte anführt, nachträglich zugelassen. Vom IPC hieß es, sie habe alle Kriterien erfüllt. "Wir können diese Entscheidung nicht nachvollziehen", sagt der deutsche Bundestrainer Ralf Rombach.