Zwei Torwart-Fehler und viele vergebene Chancen des Gegners bescheren Nürnberg ein 2:2 in St. Petersburg.

2100 Kilometer sind es von Nürnberg im Frankenland nach St. Petersburg. Das ist nicht nur eine der größten Städte Russlands, sondern seit neuestem auch die Heimat des russischen Fußballmeisters, der die ewige Vorherrschaft Moskauer Klubs durchbrochen hat - kurioserweise mit dem in Mönchengladbach grandios gescheiterten Trainer Dick Advocaat. Der Erste der aufsteigenden russischen Liga gegen den aktuellen 16. der vermeintlich absteigenden Bundesliga - die Rollenverteilung in diesem Uefa-Cup-Match war umso eindeutiger, da die Gastgeber mit vier Punkten aus zwei Partien gut in den Wettbewerb gestartet waren, der Club hingegen denkbar unglücklich mit einem 0:2 gegen Everton vor drei Wochen. Am Ende des aufregenden Abends stand ein 2:2 (0:1), und die Tatsache, dass die Reise zugleich in eine Stadt geführt hatte, in der die Temperaturen bei Spielbeginn bei Minus zehn Grad lagen, war angesichts des heißen Tanzes, den die beiden Teams aufführten, fast in Vergessenheit geraten.

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Charisteas' Bogenlampe

Rückschlüsse vom jüngsten 2:0 gegen Borussia Dortmund, einer der in dieser Saison eher raren Bundesliga-Erfolge (drei Siege in 14 Spielen), hatte sich Trainer Hans Meyer vor der Partie verbeten: ,,Wir haben vor ein paar Wochen 5:1 gegen Frankfurt gewonnen - und dann die nächsten drei Partien verrasselt.'' Ein gutes Zeichen dafür, dass es diesmal besser laufen könnte, war die Tatsache, dass Manndecker Andreas Wolf auflief, obwohl er sich beim Dortmund-Spiel eine Muskelquetschung im Oberschenkel zugezogen hatte. Mit dem Innenverteidiger strahlten die Gäste anfangs eine solche Souveränität aus, dass sie die anfangs offene Partie rasch zu dominieren begannen.

Erst gab es ein leichtes Übergewicht für den Club, dann stellten sich die ersten Chancen ein (Direktabnahme von Marek Mintal nach butterweicher Flanke des Griechen Angelos Charisteas in der 23.Minute) und schließlich das verdiente Tor: Nach feinem Doppelpass mit Spielmacher Misimovic tauchte Charisteas in der 26.Minute frei am linken Strafraumeck auf. Sein unplatzierter Rechtsschuss wurde durch St.Petersburgs belgischen Verteidiger Lombaerts in eine tückische Bogenlampe verwandelte, die sich Torwart Contofalsky zirkusreif ins eigene Tor faustete.

Danach freilich änderte sich in Sekundenschnelle die Spielrichtung: Plötzlich ging es bis zum Pausenpfiff nur noch auf das Tor der Nürnberger. Ob das daran lag, dass die Gäste sich weit - zu weit - zurückzogen, oder daran, dass die Russen enorm das Tempo erhöhten, war nicht eindeutig. Das Resultat allerdings war unübersehbar: Im Sekundentakt flogen die Bälle nun auf Jaromir Blazek zu, zum Schrecken der Nürnberger oft als Aufsetzer, was dem Gäste-Torwart erhebliche Probleme bereitete und den Russen nach guten Torchancen etliche noch aussichtsreichere Nachschussgelegenheiten. Allein zwischen der 34. und der 37.Minuten boten sich St. Petersburg genügend Chancen, um den kompletten Uefa-Cup zu gewinnen, aber Blazek, Glück und das Unvermögen das Gastgeber bescherten dem Club eine äußerst schmeichelhafte 1:0-Pausenführung.

Fortsetzung des Chancenfestivals

Nach der Pause ließen sich die Russen zehn Minuten Zeit, um ihr Chancenfestival fortzusetzen. Dann war es wieder soweit: In der 55. Minute löffelte Dominguez den Ball aus dreieinhalb Metern am Lattenkreuz vorbei ins Aus. Das schien die Russen ausnahmsweise zu beeindrucken, und die Nürnberger kamen offensiv wieder zur Geltung. Der eingewechselte Saenko umkurvte - natürlich nach einem Pass von Misimovic - Torwart Contofalsky und schob den Ball Richtung Tor, wo er kurz vor der Linie gestoppt wurde. Es passte zum Spiel, dass die Nürnberger just in dieser Phase, als sie das Spiel wieder in den Griff zu bekommen schienen, das 1:1 hinnehmen musste. Nach einer feinen Kombination über die rechte Seite, wo Beauchamp oft Probleme hatte, kam Pogrebnjak (75.) sieben Meter vor dem Tor ungedeckt an den Ball - Wolf stand drei Meter zu weit weg -, und schob zum 1:1 ein.

Nur drei Minuten später brach St. Petersburg wieder über die rechte Seite durch, Engelhardt rutschte aus, Reinhardt rutschte am Ball vorbei, und Ijonow vollendete cool zum 2:1. Nun fand der Spielverlauf seinen Ausdruck im Ergebnis - aber nicht lange. In der 83.Minute nämlich nutzte der eben erst für Marco Engelhardt eingewechselte Leon Benko nach einer ungefährlichen Flanke eine weitere clowneske Einlage von Torwart Contofalsky zum 2:2. Damit war aber noch lange nicht Schluss. In der 86. Minute dribbelte sich Arschawin unwiderstehlich - und natürlich über rechts - in eine gute Schussposition in den Strafraum. Er stand ganz frei - und traf den Pfosten. Die Russen hatten das Spiel mit 2:2 Toren verloren.

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(SZ vom 30.11.2007/lsp)