Sprinter Julian Reus Traum von 9,99 Sekunden

Sprintet er zu einer Medaille bei der EM: Julian Reus

(Foto: dpa)

Wer wird schnellster Mann Europas bei der Leichtathletik-EM? Die deutschen 100-Meter-Sprinter um Julian Reus tasten sich in die Spitze vor - auch, weil sie sich von Prinzipen verabschiedet haben.

Von Johannes Knuth, Zürich

Neulich hat Julian Reus Ablenkung gesucht, Abstand von den letzten Vorbereitungen auf die Leichtathletik-EM in Zürich, die an diesem Dienstag beginnt. Reus schrieb seine letzte Klausur des Semesters, "zur Abwechslung", wie er ausrichtete. Das Thema war "International Business Law". Wenn alles gutgeht, darf sich der 26-Jährige demnächst Bachelor im Fach "International Management" nennen.

Es sind ereignisreiche Tage für den Studenten, denn Julian Reus ist zuletzt einigen Verpflichtungen als Leichtathlet nachgegangen. Vor kurzem hat der 26-Jährige bei den nationalen Meisterschaften in Ulm die 100 Meter in 10,05 Sekunden gewonnen, eine Hundertstelsekunde schneller als Frank Emmelmann bei seinem deutschen Rekord von 1985. Reus ist nun hauptberuflich der schnellste Mann der Nation, diese Tat war im öffentlichen Diskurs zeitweise an den Rand gedrängt worden durch die Debatte um Prothesen-Weitspringer Markus Rehm.

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Wenn die Sprinter am Mittwoch im Züricher Letzigrund den schnellsten Mann Europas ermitteln, zählt Reus zum Favoritenkreis. Er hat diese Rolle mit Verweis auf die starke Konkurrenz zwar immer wieder abgelehnt, doch nebenbei hatte Reus im Spiegel ausgerichtet: Die 9,99 Sekunden seien mittelfristig "machbar". Ein deutscher 100-Meter-Läufer unter zehn Sekunden? Das war jahrelang ungefähr so realistisch wie ein Bundesliga-Aufstieg des SC Paderborn.

Es hat sich einiges getan im deutschen Sprint. In Reus, Lucas Jakubczyk und dem derzeit verletzten Martin Keller verfügen sie im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) über mehrere Kandidaten, die einen Lauf jenseits der ominösen zehn Sekunden bewältigen können. Deutsche Sprintstaffeln produzieren bei Großereignissen zuverlässig vordere Platzierungen und Medaillen.

Verena Sailer war 2010 Europameisterin und reist mit der 4x100-Meter-Staffel als Titelverteidigerin an. Was auch der Tatsache geschuldet ist, dass sie im DLV vor einigen Jahren ihre Prinzipien justiert haben. "Uns war damals klar", sagt Sprint-Bundestrainer Ronald Stein, "wenn wir in die Weltspitze wollen, müssen wir etwas verändern."

2011, nach der Leichtathletik-WM im koreanischen Daegu, versammelten die DLV-Trainer ihre Biomechaniker. Sie studierten den Lauf von Weltmeister Yohan Blake, der in Größe und Statur den deutschen Sprintern gleicht. Fortan galt der Laufstil des Jamaikaners als Leitmotiv für die DLV-Läufer.

Bundestrainer Stein bemühte sich zudem um externe Fortbildungen. Seit 2010 reist er mit seinen besten Athleten jedes Frühjahr für rund sechs Wochen nach Florida, manche Athleten schießen bis zu 1500 Euro pro Reise dazu. "Aber bei 30, 35 Grad kann man hohe Intensitäten besser trainieren als bei 15 Grad in Deutschland", sagt Stein.