Sportpolitik "Nichts kapiert"

Bei einem Kongress in Nürnberg wird die Politikverdrossenheit der Fußballbranche angeprangert. Besonders im Fokus: der Umgang der Vereine mit Ländern, in denen die Menschenrechte wenig gelten.

Von Sebastian Fischer

Der FC Bayern München ist ein Verein, der viel kapiert hat. Wie man sehr erfolgreichen Fußball spielt zum Beispiel, oder auch, wie man diesen erfolgreichen Fußball weltweit gewinnbringend vermarktet. Das wird auch zur Genüge gelobt, das bezweifelt kaum jemand. Doch manchmal ist ebenso wichtig, was der FC Bayern München womöglich noch nicht kapiert hat. Am Wochenende ging es um Fußball und Menschenrechte.

Im Historischen Rathaussaal in Nürnberg schien am Freitagabend das Licht goldener Kronleuchter auf die Bühne. Die Akademie für Fußballkultur hatte zu einer Podiumsdiskussion über die Beziehungen der Branche zum Emirat Katar geladen. Katar, wo massiv Menschenrechte verletzt werden, wo 2022 die WM stattfindet - und wo sich der FC Bayern auch dieses Mal wieder fröhlich auf die Bundesliga-Rückrunde vorbereitete. Die Bayern sind dafür ausführlich kritisiert worden, und nun noch einmal besonders bissig.

Auf der Bühne saß auch Sylvia Schenk, Rechtsanwältin und Aktivistin für Transparency International. Sie erzählte von einem Telefonat: Vor ein paar Wochen habe sie der FC Bayern angerufen. Es ging um die Reise nach Katar: Was ihre Meinung sei, wie sich der Verein verhalten solle. Sie habe erklärt, dass es Verantwortungsbewusstsein benötige, Gespräche mit Katarern über Politik, eine Positionierung. Es soll ein nettes Telefonat gewesen sein. Bloß las Schenk später ein Interview mit dem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, in dem dieser lapidar erklärte, in Katar würden die Menschen halt "eine andere Kultur" pflegen. "Da kann man nur sagen: Ihr habt nichts kapiert", sagte Schenk. Denn es verstoße nun mal gegen die universellen Menschenrechte, Migranten als Arbeiter auf Baustellen auszubeuten und unwürdig unterzubringen. Mehr als tausend sollen gestorben sein.

Die Bayern fliegen nach Katar, Barça wirbt für das Emirat

Die Diskussion darüber, was der Fußball als gesellschaftliches Phänomen politisch leisten kann und muss, ist keine, die sich exklusiv um den FC Bayern dreht. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth - auch sie saß am Freitag auf dem Podium - hat sich neulich mit Hans-Joachim Watzke angelegt, dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Es ging um das Trainingslager im kaum besser als Katar beleumundeten Dubai. Die Vereine müssten endlich aufhören mit dem Argument, Fußball und Politik hätten nichts miteinander zu tun. "Das muss man kritisieren können, ohne dass die Vereine rumpampen", sagte sie. Roth rief als Fußballfan mit für jeden Fotografen sichtbarem überdimensionierten Fanschal um den Hals übrigens auch in den Saal: "Bring back the football to uns!"

Es lässt die Debatte ja stets etwas unbeholfen wirken, dass die Wichtigen nicht mal mitdebattieren. Die Vereine müssten sich engagierter zu Wort melden, sagte der Rechtswissenschaftler und einstige Fifa-Reformer Mark Pieth. Die Vereine könnten sich etwa dagegen wehren, dass Scheich Salman als kommender Präsident des Weltverbands gilt. Ein Mann, dem Menschenrechtsverletzungen bei der Unterdrückung des Arabischen Frühlings in Bahrain vorgeworfen werden, von denen er sich nie distanziert hat. Aber sie wollen nicht. "Die Vereine sind Unternehmen. Die wollen Geld verdienen", sagte Pieth. So wie der FC Barcelona mit der Qatar Foundation als Sponsor. Nicht nur die Vereine oder die konfuse Fifa seien das Problem: "Wir sind käuflich. Kaum geht das Spiel los, vergessen wir unsere Prinzipien."

Die Diskussion endete versöhnlich, zumindest mit Blick auf Katar. Schenk sagte, sie sei "sehr optimistisch", allein durch die WM-Vergabe werde ja auf die Situation dort hingewiesen, die sonst wohl nie die breite Masse interessiert hätte. Katar bewege sich langsam. Und der Sport? Wenzel Michalski, Deutschland-Direktor von Human Rights Watch, hatte am Nachmittag beim thematisch anschließenden Kongress gesprochen. Er sagte einen Satz über die Fifa, der nicht nur für die Fifa galt: "Die sind moralisch abgehärtet."