Sport und Politik sind in Russland eng miteinander verflochten. Präsident Dmitrij Medwedjew zwingt jetzt etliche Politiker zum Rücktritt von Spitzenämtern im Sport.
Witalij Mutko gehört nicht zu den Menschen, die es gewohnt sind, Macht abzugeben. In den neunziger Jahren zählte der 50-Jährige zu jenem St. Petersburger Kreis, in den so viele der heute maßgeblichen russischen Politiker involviert waren (unter anderem Wladimir Putin und Dmitrij Medwedjew) - und seit dieser Zeit machte auch Witalij Mutko mächtig Karriere.
Bild vergrößern
Dmitrij Medwedjew will in vielen Sportverbänden neue Präsidenten. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Erst war er Präsident von Zenit St. Petersburg, später Chef der russischen Fußballliga und Mitglied des russischen Föderationsrates, und bis vor kurzem hatte er drei hochrangige Posten inne: Er war zugleich Sportminister, Präsident des russischen Fußballverbandes und Mitglied des Exekutivkomitees des Fußballweltverbandes (Fifa).
Doch nun musste Mutko zum ersten Mal in seiner (sport)politischen Karriere erleben, dass sich sein Einflussbereich verringert. Zu Wochenbeginn trat er als Chef des russischen Fußballverbandes zurück - aber das alles andere als freiwillig, sondern auf allerhöchsten Befehl hin. Ende Oktober forderte Russlands Präsident Medwedjew seinen Sportminister auf, innerhalb von vier Wochen das Ehrenamt an der Spitze des Fußballverbandes niederzulegen. Und Mutko war nicht der Einzige, der einen Posten abgeben musste; dieselbe Anordnung erhielten auch alle anderen Minister und Staatsbeamten, die nebenbei einen Sportverband führten.
Sport und Politik sind in Russland eng miteinander verflochten. Als Medwedjew seinen Erlass verkündete, waren gleich elf Spitzenpolitiker als Chef eines Sportverbandes tätig, darunter unter anderem Außenminister Sergej Lawrow (Kanuslalom) oder Verkehrsminister Igor Lewitin (Tischtennis). Rund die Hälfte hat ihr Amt schon niedergelegt, in den nächsten Tagen folgen die Übrigen. Zwar gab es zarte verbale Proteste gegen diese Entscheidung und etliche leidenschaftliche Hinweise darauf, wie sehr man doch dem Sport verbunden sei - doch massiven Widerstand wollte letztlich niemand leisten.
Als offiziellen Grund für die Entkoppelung von Staats- und Sportposten gab Medwedjew an: An der Spitze der Verbände sollten Leute stehen, "die sich 24 Stunden am Tag mit ihrer Sportart beschäftigen". Offenbar ärgern die russische Staatsführung die derzeitigen Leistungen ihrer Sportler. Mit den Medaillenspiegeln bei den jüngsten Sommer- und Winterspielen waren die Verantwortlichen nicht zufrieden.
"Ein Desaster, schlecht, unglaublich", schimpfte der Pressesprecher des Nationalen Olympischen Komitees Russlands, Gennadij Schwets, 2008 in Peking. Und ausgerechnet in dieser sportlich nicht befriedigenden Situation bereitet sich das Land auf wichtige Großveranstaltungen vor: 2014 sind in Sotschi die Olympischen Winterspiele, für 2018 oder 2022 hofft man auf die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft.
Neben der sportlichen Situation gibt es aber einige andere Spekulationen für den politischen Eingriff in die Sportwelt. Manche Beobachter deuten ihn als weiteren Beleg für die These, dass sich Staatspräsident Medwedjew von seinem Vorgänger Wladimir Putin emanzipieren will. Kürzlich erst forderte er in einer Rede an die Nation eine grundlegende Modernisierung des Landes und eine Überwindung der "chronischen Rückständigkeit" und entließ einen langjährigen Medienberater von Putin.
Die Schnittstelle zwischen russischem Sport und russischer Politik brachte in der jüngeren Vergangenheit des Öfteren dubiose Konstellationen hervor. So etablierte sich dort beispielsweise Schamil Tarpischtschew, der zunächst Jelzins Tennislehrer war, dann der Herr über den Nationalen Sportfonds wurde sowie nebenbei und bis heute als Teamkapitän der russischen Tennis-Auswahlmannschaften fungiert. Oder es lähmten sich das russische Nationale Olympische Komitee und die oberste staatliche Sportagentur Goskomsport/Rossport über Jahre gegenseitig, weil der Komitee-Vorsitzende Leonid Tjagatschow und der Rossport-Chef Wjatscheslaw Fetissow eine Privatfehde austrugen. Beide Seiten wollten sich in möglichst vielen Disziplinverbänden Einfluss sichern. Mit der Ernennung von Mutko zum ersten Sportminister im vergangenen Jahr schien sich die Staatsführung auf einen starken Mann geeinigt zu haben.
Den Fußballverband führt nach dem Rücktritt von Witalij Mutko kommissarisch Nikita Simonjan, bisher Erster Vizepräsident. Als heißester Anwärter für die reguläre Nachfolge gilt Sergej Kapkow, ein enger Intimus von Roman Abramowitsch und bisher Leiter der vom Oligarchen eingesetzten Nationalen Fußball-Akademie, die unter anderem das Gehalt von Nationaltrainer Guus Hiddink bestimmt. Mutko hingegen verabschiedet sich völlig aus dem Verband. Auf dem nächsten Kongress soll er zum Ehrenpräsidenten ernannt werden. Das hat Präsident Medwedjew sogar ausdrücklich befürwortet.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Dmitrij Medwedjew RSS
- Russland: Putin und Medwedjew Bildstörung im Kreml 20.11.2009
- Russland Zeiger der Macht 14.11.2009
- WM-Qualifikation: Russland Die niederländische Revolution 08.10.2009
- Wirtschaft kompakt Singapur erstaunt mit Mega-Wachstum 14.04.2010
- Ostsee-Pipeline: Baubeginn Schröder gibt Gas 09.04.2010
- Neuer Start-Vetrag Berechenbarer Frieden 09.04.2010
- Abrüstungsvertrag unterschrieben Barack und Dima im Prager Frühling 08.04.2010
(sueddeutsche.de//hum)
Harte Kritik des Bayern-Präsidenten
wenn auch hierzulande mal diese Kaste aus den Sportverbandsämtern entfernt werden würden, samt denen von Ihnen in die r gehieften Strohrauen/Männer, oder?
...schafft es das kleine Präsidentchen sich wirklich vom großen " Strippenzieher " loszusagen oder steckt vielleicht doch nur Show dahinter die uns die "Eigenständigkeit" von Medwedjew bescheinigen soll ?
Interessant...
Der Kerl bringt seit einiger Zeit immer wieder vernünftige und mutige Dinge, die er gar nicht groß angekündigt hat.
Das Gegenteil von Obama.
Hmmmm