Spekulation um WM-Vergabe Das Geheimnis des Mannes, der den Raum verließ

Immer noch ein Rätsel: Was veranlasste den inzwischen verstorbenen Neuseeländer Charles Dempsey, den entscheidenden Wahlgang zur Vergabe der WM 2006 auszulassen?

(Foto: DPA)
  • Kurz vor der entscheidenen Abstimmung über den Austragungsort der Fußball-WM 2006 verließ der neuseeländische Funktionär Charles Dempsey den Raum.
  • Nur so konnte Deutschland die Stimmenmehrheit und den Zuschlag für die WM erhalten.
  • Wurde Dempsey bestochen? Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger legt das nahe - und beruft sich unter anderem auf ein Stück Papier.
Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der Kampf der Deutschen schien verloren zu sein. Nur zwölf Voten hatten sie sicher, als es am 6. Juli 2000 im Vorstand des Weltverbands Fifa in die letzte Wahlrunde für den WM-Zuschlag 2006 ging. Zwölf von 24. Das war zu wenig. Dem Rivalen Südafrika wurden die anderen zwölf Stimmen zugerechnet, darunter die wertvollste: das Votum von Präsident Sepp Blatter, das bei Gleichstand doppelt zählen würde.

Aber plötzlich erhob sich Charles Dempsey. Dem Neuseeländer hatte sein ozeanischer Kontinentalverband und sogar die Regierungschefin in Auckland aufgetragen, für Südafrika zu stimmen. Dempsey aber ging aus dem Raum, er nahm das nächste Flugzeug Richtung Heimat - und der 12:11-Sieg der Deutschen war perfekt.

Die vielleicht wichtigste Angelegenheit in der Skandalhistorie des Weltsports

Seit zwei Wochen debattiert das Land über eine dubiose Transaktion von 6,7 Millionen Euro und die Frage, ob dieses Geld dazu diente, Stimmen im Wahlmännergremium zu kaufen. Der Spiegel behauptet das, Beteiligte von damals bestreiten es. Aber wenn es darum geht, ob und wie sauber das Sommermärchen nach Deutschland kam, bleiben neben dem obskuren 6,7-Millionen-Transfer weitere Baustellen: Zuvorderst das Verhalten des (2008 verstorbenen) Dempsey. Es sorgte dafür, dass seither der Verdacht durch die Sportwelt wabert, es sei nachgeholfen worden.

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Jetzt kocht diese Frage wieder hoch, und die Spur legt auch hier Theo Zwanziger. Via Bild deutet er an, Dempsey sei womöglich bestochen worden: über den früheren Sportrechtevermarkter und ausgewiesenen Schmiergeldverteiler ISL. Der frühere DFB-Präsident spielt eine zwiespältige Rolle in dieser Sommermärchen-Affäre: Einerseits prangert er öffentlich Unregelmäßigkeiten und die Existenz einer schwarzen Kasse an. Andererseits war er zumindest ab 2003 Teil des damaligen WM-Organisationskomitees und an entscheidender Stelle sogar ausführendes Organ.

So unterschrieb er 2005 eine Überweisung über 6,7 Millionen Euro an die Fifa, die den fingierten Titel "Beitrag Kulturprogramm" trug, tatsächlich aber die Rückzahlung eines angeblichen Darlehens von Robert Louis-Dreyfus gewesen sein soll. Zwanziger stellt es so dar, dass er erst 2012 alle Zusammenhänge in der WM-Causa verstanden habe - durch Informationen aus der in jenem Jahr geöffneten ISL-Gerichtsakte und "dem dort wiedergegebenen Schmiergeldteppich".

Die ISL-Geschichte ist eine komplizierte Angelegenheit, zugleich die vielleicht wichtigste in der Skandalhistorie des Weltsports. Die Firma war einst größter Sportrechtvermarkter der Welt, ihr Draht nach Deutschland besonders eng: 1982 hatte sie der damalige Adidas-Chef Horst Dassler gegründet. Auch Fedor Radmann, Intimus von Franz Beckenbauer sowie Mitglied im deutschen Bewerbungs- und Organisationskomitee, war einst für die ISL tätig.

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2000 war die Agentur schon in Finanznöten und konnte ein Interesse daran gehabt haben, dass das WM-Turnier 2006 auf dem europäischen Kernmarkt stattfinden würde: Klar war ja, dass der Standort Deutschland weit höhere Profite abwerfen würde als ein Risiko-Turnier am Kap.

Zehn Monate nach der WM-Vergabe ging die ISL bankrott. Im folgenden Strafverfahren flog auf, dass sie mindestens 142 Millionen Franken Schmiergeld an Sportfunktionäre gezahlt hatte. 2010 schloss die Staatsanwaltschaft in Zug das Verfahren mit einer sogenannten Einstellungsverfügung ab; zwei Jahre später wurde diese auf massiven öffentlichen Druck hin veröffentlicht. Allerdings waren in dem 2012 freigegebenen Papier nahezu alle involvierten Firmen und Personen anonymisiert worden.