Von Javier Cáceres

Das Teambuilding der Spanier vollzieht sich nicht bloß "ex negativo". Seit geraumer Zeit ist festzustellen, dass die Spanier das Vorurteil widerlegen, sie taugten bloß für Siege in Einzelsportarten.

Natürlich waren wieder rhetorische Spitzen von den Rändern Spaniens gekommen. Abgeordnete der katalanischen und der baskischen Nationalisten hatten demonstrativ auf Russland als EM-Finalgegner der Deutschen gesetzt. Auch der baskische Regierungschef Juan José Ibarretxe hörte sich so an. Er wolle der spanischen Elf zwar kein Verderben wünschen. Sie zu unterstützen, komme für ihn aber nicht in Frage: "Meine Auswahl ist die baskische." Wenn es um die Frage geht, wie es Fußball-Nationaltrainer Luis Aragonés geschafft hat, Spanien zur ersten Finalteilnahme seit 1984 zu verhelfen, steht die Isolierung seines Teams von störenden Debatten an oberster Stelle. Die regionalpolitische zählt unbedingt dazu.

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Luis Aragonés (links) soll die spanische Elf um Titelgewinn führen. (© Foto: dpa)

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Beim ewigen Rätselspiel, warum Spanien trotz seiner talentierten Sportler (fast) nie einen Teamwettbewerb gewinnen konnte, wurde traditionell und rituell die Frage erörtert, ob die Fliehkräfte an der Peripherie des Landes auch an seinen Nationalmannschaften zerren. Und diesmal? Das einzige potentielle Politikum deaktivierte Aragonés schon vor langer Zeit geräuschlos: Er verzichtete darauf, Barcelonas Verteidiger Oleguer Presas zu berufen, der bekennender Sympathisant der katalanischen Linksnationalisten ist. Die große Debatte vor der EM kreiste bloß um eine sportliche Frage: Muss Real Madrids Stürmerstar Raúl nun mit oder nicht? Der Trainer nahm ihn nicht mit. "Die Angriffe, die Aragonés deshalb einstecken musste, haben die Elf geeint", sagt der frühere Nationalspieler Míchel.

"Das schult die Persönlichkeit"

Doch das Teambuilding der Spanier vollzieht sich nicht bloß "ex negativo". Seit geraumer Zeit ist festzustellen, dass die Spanier das Vorurteil widerlegen, sie taugten bloß für Siege in Einzelsportarten wie Tennis, Formel 1, Radsport. Seit 2005 hat Spanien in wichtigen Teamsportarten - Handball, Hockey, Basketball oder Volleyball - internationale Titel geholt, psychologische Barrieren auf den Scheiterhaufen der Geschichte geworfen und chronischen Pessimismus überwunden. Als Folge, wie Basketball-Trainer Pepu Hernández sagt, "einer gesellschaftlichen Modernisierung".

Früher sei das Individuelle, das Solo, die Genialität, also "der Torero" bewundert worden. "Die Genialität existiert fort, aber sie steht im Dienst des Teams", so Hernández. Darüber hinaus würden alle spanischen Mannschaften einen neuen Wesenszug teilen, ergänzt Handball-Coach Juan Carlos Pastor: "Sie respektieren eine Ordnung." Ob die Spanier in den Jahren nach dem Ende von 40 Jahren Franco-Diktatur ihren Durst nach individueller Freiheit unterbewusst auch im Sport ausgelebt haben? Denkbar ist das schon. Fakt ist: Die jetzige Generation ist die erste, die nach Francos Tod geboren und aufgewachsen ist. Und sie ist, was mindestens ebenso wichtig sein dürfte, die erste Generation, die das Ausland nicht scheut.

So wie die Spanier nicht mehr bloß an heimischen Stränden urlauben und die Unternehmen des Landes weltweit expandieren, so spielen die Basketball-Stars in der NBA, die Fußballer in Englands Premier League. Hernández: "Das schult die Persönlichkeit." Und trägt ebenfalls zu einem neuen Wir-Gefühl bei. Dass dieses weiterhin Grenzen haben wird, steht auf einem anderen Blatt. Zwar sind auch im Baskenland und in Katalonien die Straßen leergefegt, wenn Spanien spielt. Nicht wenige halten es aber wie eh und je mit den Rivalen Spaniens. An einem Ort an Spaniens Peripherie wird dies am Sonntag im Finale gegen Deutschland besonders gelten. Er nennt sich Mallorca.

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(SZ vom 28.06.2008/mb)