Spanische Erfolge im Sport Weltliche Hilfe für die Generation Gold

Die neuerlichen Doping-Enthüllungen um Armstrongs Helfer gehen weit über den Radsport hinaus, sie betreffen den Spitzensport in ganz Spanien: Fußball, Tennis, Leichtathletik, Rad. Generation Gold nennt sich diese denkwürdige Fügung des Schicksals - doch es könnte auch illegale Gründe geben für die wundersame Dominanz.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Die Doping-Affäre um Lance Armstrong nimmt Fahrt auf, und womöglich ist es kein Zufall, dass unter den drei soeben lebenslang gesperrten Betrugshelfern wieder zwei Experten aus Spanien sind: Trainer Jose Marti und Luis Garcia del Moral, ein Sportarzt mit klingendem Namen in der Profibranche. Wobei hier nicht nur von Radprofis die Rede ist - einschlägigen Firmenwebsites zufolge hat del Moral auch die Fußballer des FC Barcelona und seines Heimatklubs Valencia betreut. Bisher wies er alle Vorwürfe von sich. Wen aber überzeugt das angesichts der Tatsache, dass er eine lebenslange Sperre akzeptiert?

Es gibt ein Problem an dem neuerlichen Sündenfall, das weit über den Radsport hinaus weist. Es trägt eine ungeheuerliche Kontur und lautet, auf zwei Worte gebracht: Spaniens Spitzensport.

Es ist ja so, dass die luft- und kraftstrotzenden Helden Iberiens seit bald einer Dekade die globalen Kernsportarten aufmischen: Fußball, Tennis, Leichtathletik, Rad. Generacion de oro nennt sich diese denkwürdige Fügung des Schicksals, Generation Gold. Dass im Dunstkreis des kollektiven Körperwunders häufig der legendäre Blutdoper Eufemiano Fuentes auftauchte, der wiederholt in Haft saß, zuletzt 2011, wurde in der Sportnation nie als Indiz dafür betrachtet, dass es neben dem Generationenglück auch ein paar weltliche Gründe geben könnte für die wundersame Dominanz.

Spaniens Guardia Civil hatte bis zum Jahr 2006 die groß angelegte, internationale Doping- und Geldwäsche-Ermittlung "Operacion Puerto" geführt, im Zentrum standen Fuentes und Ärztekollegen. Die Madrider Justiz klappte die Akte in dem Moment hastig zu, als mehr herauszusickern begann als ein paar Dutzend Radprofis aus aller Herren Länder. Dass auch Fußballer, Tennisprofis und andere zur Fuentes-Klientel gehörten, blieb so stets ein gut unterfüttertes Gerücht - wobei der Doc die Kicker-Kontakte selbst einräumte, im Sender Cadena Ser:

Er habe Teams aus der ersten und zweiten spanischen Fußball-Liga betreut. Ohne sich dabei als Doper zu outen, klar. Was bis heute nichts ändert an der drängenden Frage, warum die Creme der spanischen Fußballklubs, darunter laut Fuentes auch Barcelona, um Fachdienste eines Gynäkologen buhlte?

In Spanien beißt man mit solchen Fragen auf Granit. Und schlimmer. Als es die französische Le Monde schaffte, Fuentes' Medikationspläne für Fußball-Spitzenklubs zu publizieren, kassierte sie durch Amtsrichter in Barcelona und Madrid enorme Geldbußen - in Prozessen, bei denen der Zeitung die Vorlage just der von Fuentes handgefertigten Pläne untersagt worden war, auf die sie ihren Bericht gestützt hatte. Le Monde will bis zum Europäischen Gerichtshof gehen.

So schwebt über Spaniens Fußball eine düstere Frage, die Doktor Del Moral nun aktualisiert. Auch die Welt-Anti-Doping-Behörde Wada wird sich dafür interessieren, die nie aufgehört hat, Spanien wegen der Einstellung der Fuentes-Ermittlungen zu rügen, die schon so weit gediehen waren. Zu weit?

Dass es damals Weisung von oben gab, ist ein Gerücht, das jedoch Sinn ergibt in einem Land, dessen Klubs das Prädikat real ("königlich") tragen und dessen Nationalteam gerade alle Rekorde bricht. Aber wo Fußball staatstragende Bedeutung hat, haben Betrugsfahnder einen besonders schweren Stand. Frag' nach in Italien, wo Juventus Turin sein Team jahrelang mit eigenen Blutdoping-Programmen stärkte. Damals, in den Neunzigern, erlebte Juve sein Goldenes Zeitalter. Es endete in einem Fiasko: vor Gericht.