Spanien im Finale der EM Noch ein Sieg bis zur Unsterblichkeit

Gegen Portugal war das tranceartig vorgetragene Tiki-Taka-Spiel nicht entscheidend. Lediglich Glück eröffnet Spanien jetzt die Chance auf einen historischen Triumph. Doch egal ob gegen Deutschland oder Italien: Wenn sich die Spanier nicht steigern, werden sie diese Chance im Finale verspielen.

Von Sebastian Gierke

Es stand 2:2 im Elfmeterschießen, als sich Sergio Ramos den Ball schnappte, ihn sich zurechtlegte. Er nahm Anlauf und streichelte, lupfte das Leder so sanft wie frech ins Netz. So ähnlich hatte es schon im Viertelfinale Andrea Pirlo im Spiel Italien gegen England gemacht.

Diese Art einen Elfmeter ins Tor zu chippen hat einen Namen: Panenka. Benannt wurde sie nach dem, der es zum ersten Mal wagte, so zu schießen. In einer schwülen Nacht in Belgrad, am 20. Juni 1976. Der Mann hieß Antonin, Antonin Panenka.

Doch diese Nacht von Belgrad steht nicht nur aufgrund des Elfmeters von Ramos in Verbindung mit dem, was gestern in der ebenfalls schwülen Nacht von Donezk geschehen ist - und was bei EM noch geschehen wird.

Deutschland steht 1976 gegen die damalige Tschechoslowakei im Endspiel der Europameisterschaft. Es kommt zum Elfmeterschießen. Uli Hoeneß drischt als vierte Schütze den Ball in den Himmel. Dann kommt Panenka. Panenka schnappt sich den Ball, legt ihn zurecht, nimmt Anlauf. Und lupft das Leder dann so sanft wie frech in die Mitte des Tores. Die Tschechoslowaken feiern den Titel. Deutschland hat den historischen Sieg verpasst, hat nicht das dritte große Turnier in Folge gewonnen, nach der Europameisterschaft 1972 und der Weltmeisterschaft 1974.

Keiner konnte bislang drei Titel in Folge holen

Keiner Mannschaft ist es bislang gelungen, EM, WM und EM in direkter Folge zu gewinnen. Doch jetzt sind die Spanier wieder ganz nah dran, nach der Europameisterschaft 2008 und dem WM-Titel 2010. Die Spanier können, wenn sie am Sonntag das Finale gewinnen, zu der Mannschaft werden, die am eindeutigsten eine Fußball-Ära geprägt hat. Xavi, Iniesta, Casillas und Co. fehlt dafür nur noch ein Sieg. Doch das 0:0 nach 120 Minuten gegen Portugal und der glückliche Sieg im Elfmeterschießen haben gezeigt: Sie werden scheitern, wie die deutsche Mannschaft 1976 gescheitert ist, wenn sie noch einmal so auftreten.

Wieder, wie schon gegen die Kroaten und Italiener in der Vorrunde, zeitweise auch gegen die Franzosen im Viertelfinale sind die Spanier ins Wanken geraten, wieder sind sie nicht umgefallen. Im Finale wird das, egal ob gegen Italien oder Deutschland mit großer Sicherheit nicht mehr reichen.

Zwar ist nach den Siegen der vergangenen Jahre das Selbstbewusstsein groß, das Gefühl, auch einmal verlieren zu können, kaum vorhanden. Seit ihrer 1:3-Achtelfinalniederlage gegen Frankreich bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland haben die Spanier in der Endrunde der folgenden Turniere kein Gegentor mehr kassiert. Keeper Iker Casillas musste seit neun K.-o.-Spielen nicht mehr hinter sich greifen. Doch Spanien wandelt bei dieser EM auf einem schmalen Grad, weil die Mannschaft nicht nur keine Tore zulässt, sondern auch keine schießt. Derzeit fehlt den Spaniern einfach der Knipser.

Die Spieler hatten die bisherigen Siege bei der EM noch eher nüchtern hingenommen und auf dem Feld kaum überschwänglich reagiert. Diesmal gab es allerdings nach dem erlösenden Treffer von Fàbregas und dem 19. Pflichtspiel ohne Niederlage nacheinander kein Halten mehr. Denn auch die Spieler spüren: Die Überlegenheit ist hin, ein Sieg keine Selbstverständlichkeit mehr.

Bartlos, harmlos und mit vollen Hosen

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