Sofia Goggia bei Olympia "Sie ist verrückt - wie ich"

Die Norwegerin Ragnhild Mowinckel, Sofia Goggia aus Italien und Lindsey Vonn aus den USA

(Foto: AFP)
  • Die Italienerin Sofia Goggia gewinnt die Olympia-Abfahrt, Lindsey Vonn wird mit einer halben Sekunde Rückstand Dritte.
  • Goggia bringt alles mit, um nach Lindsey Vonn eine der dominierenden Athletinnen des Weltcups zu werden.
  • Nach drei Knieverletzungen hat sie gelernt, ihr Temperament zu züglen und das Risiko abzuwägen.
Von Johannes Knuth, Jeongseon

Am Tag vor dem großen Auftritt lag dann alles ganz klar vor ihr. Am Tag vor der olympischen Abfahrt, kurz nach ihrem letzten Trainingslauf, wusste die Skirennfahrerin Sofia Goggia, wie sie ihre Fahrt auf der Schnelltrasse in Jeongseon anlegen würde. Sie würde an zwei Stellen mit Bedacht fahren, in zwei, drei anderen Passagen ein bisschen was riskieren. Goggia hatte jedenfalls alles getan, damit der Mittwoch "ihr Tag" werden würde, und ihr gutes Gefühl gewann noch an Kraft, als sie nach 1:39,22 Minuten im Ziel eintraf. "Mir ist eine große Last abgefallen, ich wusste, dass ich alles gegeben hatte", sagte Goggia später, sie lächelte kurz. Dann fügte sie an: "Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich das Ziel erreiche."

Rund eine Stunde später kehrte Sofia Goggia in den Zielraum zurück, zur Siegerehrung. Die italienische Flagge ruhte auf ihren Schultern, dann küsste sie den Schnee, auf dem sie gerade zum Olympiasieg gerauscht war. Es war das erste Mal, dass eine Italienerin die höchste Weihe in einer olympischen Abfahrt entgegennahm, das hatten nicht mal Goggias hochveranlagten Vorfahren wie Deborah Compagnoni oder Isolde Kostner geschafft. Goggia hatte nach ihrer Fahrt noch ein wenig geschwitzt, die Norwegerin Ragnhild Mowinckel, Zweite im Riesenslalom vor einer Woche, kam bis auf neun Hundertstelsekunden nahe. Danach war ihr Sieg amtlich, Lindsey Vonn war ja bereits im Ziel, die Amerikanerin war als Dritte eine halbe Sekunde langsamer gewesen. Langsamer?

Abfahrt der Knatschgesichter

Eine Italienerin jubelt, Lindsey Vonn weint, Vicky Rebensburg hadert: Im Olympischen Abfahrtsrennen gibt es große Gefühle - auch, weil für einige die letzte Karriere-Chance auf eine Medaille verstreicht. Von Jonas Beckenkamp mehr ...

Vonn hatte seit ihrem bislang einzigen Olympiasieg in der Abfahrt von Vancouver diverse Verletzungen weggesteckt, sie hatte Olympia in Sotschi verpasst und acht Jahre auf die rund 100 Fahrsekunden am Mittwoch gewartet. Sie musste nicht gewinnen, die 33-Jährige hat ihren Platz im Ski-Sport mit 81 Weltcupsiegen längst zementiert. Auch wenn man aus ihrem Frust am Mittwoch lesen konnte, wie sehr sie diese Niederlage nervte. Andererseits: Wenn Vonn jemandem den Sieg gönnte, dann Goggia. Jene Widersacherin, die sich in den vergangenen zwei Wintern in den schnellen Disziplinen den Status einer Thronfolgerin erarbeitet hatte. "Wir waren beide oft verletzt, wir respektieren uns sehr, ich verstehe sie gut", hatte Vonn zu Beginn der Spiele über Goggia gesagt.

"Sie ist verrückt", befand Vonn dann noch, "wie ich."

Eine Abfahrt ist immer auch eine Rückkehr ins Geborgene. Abfahrer beginnen ihre Fahrten in einsamen Starthäusern, auf Gletschern oder Bergkuppen, von dort aus tauchen sie knapp zwei Minuten in die Wildnis ein. Sie ringen mit der Schwerkraft und den Extremen, nicht alle erreichen das Ziel. Es ist dieses Narrativ, die der Abfahrt ihre Bedeutung verleiht, ihre Überhöhung. Und es ist eine Mutprobe, die Vonn lange beherrschte, mit einer kühlen Unerbittlichkeit, die sich auch Goggia in den vergangenen Wintern antrainiert hat.

"Früher habe ich es übertrieben", gibt Sofia Goggia zu, "jetzt wandele ich an der Grenze."

Sie sei ein "Chaot" mit dem Temperament eines Vulkans, sagte Goggia am Mittwoch, und es gab eine Zeit, da fuhr sie auch so. Sie hat drei schwere Knieverletzungen hinter sich, bis vor zwei Jahren war ein vierter Platz ihr bester Ertrag im Weltcup. Nach ihrer bislang letzten, schweren Verletzung habe sie dann beschlossen, ihr Leben genießen zu wollen. Das ist mit diversen Krankenhaustransporten freilich eher bedingt vereinbar. Sie habe also gelernt, sich manchmal auch auf ihren Kopf zu berufen, sagt Goggia, wie am Mittwoch. Seitdem ist sie ins warme Licht des Erfolgs gerückt; sie hat in den vergangenen zwei Jahren vier Weltcups und WM-Bronze im Riesenslalom gewonnen, 16 weitere Male das Podium besucht. "Früher habe ich es übertrieben, jetzt wandele ich an der Grenze", sagt sie. Wer länger in der Abfahrt unterwegs ist, schätzt irgendwann das Ankommen, die Geborgenheit des Ziels.

Wer weiter an der Grenze des Machbaren tanzt, kommt freilich auch nicht ohne Schrammen davon. Am Samstag passierte es im Super-G bei einer Landung, Goggia landete ungefähr so elegant wie Stefan Raab beim Promi-Turmspringen. Aber derartige Einlagen werden seltener. Italiens Frauen-Auswahl wird mittlerweile von Gianluca Rulfi betreut, der sieben Jahre lang die erfolgreichen Männer aufbaute, Christof Innerhofer, Peter Fill, Dominik Paris. Auf Rulfi höre sie, sagen sie im italienischen Team. Ansonsten vertraue Goggia lieber sich selbst.

Im Dezember 2016 sprang sie vollbekleidet in ein Schwimmbecken, nach zwei Podiumsplätzen in Val d'Isère. Als ein Reporter sie nach der Weltmeisterschaft in St. Moritz fragte, wie sie ihre Feier gestalten werde, antwortete sie: "Das erzähle ich lieber nicht." Sie weiß recht genau, was sie will und was nicht, ihr Horizont ist frei von Wolken des Zweifels. Diese mentale Wehrhaftigkeit, sagte Mikaela Shiffrin zuletzt, die stärkste Fahrerin des bisherigen Winters - "die hätte ich auch gerne". Oder, in den Worten der ehemaligen Abfahrerin Daniela Merighetti: "Sofia ist sehr italienisch."

Aber wenn sie eine Linie so erwischt wie am Mittwoch, sagte Vonn, "dann ist sie immer diejenige, die man schlagen muss". Bei Olympia, vermutlich auch in den kommenden Wintern.

"Selbst meine Oma weiß noch immer nicht, was ich da eigentlich mache"

Die Freeskier sind die Brücke zwischen den Generationen, doch in Deutschland verkümmern sie in einer Nische - einige Fahrer müssen sich sogar selbst finanzieren. Von Johannes Knuth mehr...

Vonn ist in diesen Tagen eine Skirennläuferin, die so langsam ankommt, nicht nur in der Abfahrt, auch in ihrer Karriere. Die Kombination am frühen Donnerstag war ihr wohl letzter olympischer Auftritt, im Weltcup hat sie noch ein, zwei Jahre vor sich, in denen sie zu Ingemar Stenmarks 86 Siegen aufschließen will. "Ich liebe es, im Starthaus zu stehen und so viel Druck zu haben, dass du beinahe daran erstickst", sagte sie, "aber irgendwie wirfst du dich doch immer den Berg herunter." Das, befand Vonn am Mittwoch, werde sie nach ihrer Karriere am meisten vermissen. Und Goggia? Sie habe gerade "die beste Skirennfahrerin aller Zeiten" bei Olympia bezwungen, stellte sie fest, sie betonte fast jedes Wort so schwungvoll, wie sie zuvor gefahren war. Sobald die Gewissheit ihres Sieges in sie hineingesunken, versprach Goggia, werde der Vulkan explodieren.