Von Jürgen Schmieder

Der begnadete Ronnie O'Sullivan fährt wieder einmal als Favorit zur Snooker-WM - sein größter Gegner ist wie immer er selbst.

Ronnie O'Sullivan ist genervt. Die chinesischen Journalisten stellen ihm nach der Niederlage gegen Marco Fu bei den China Open zu viele Fragen, sie formulieren umständlich, die Übersetzung dauert. Da Geduld nicht zu den Tugenden des Snooker-Profis gehört, sieht er in die Runde und macht anzügliche Bemerkungen über Oralsex und seinen Penis. Immer wieder, fünf Minuten lang. Hört ja keiner, und falls doch, wird es niemand verstehen. Dazwischen streut er seine lustlosen Antworten. Eine kleine Kamera jedoch zeichnet alles auf, das Video kursiert seit Ende März im Internet - der Skandal kurz vor der Weltmeisterschaft ist perfekt.

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Ronnie O'Sullivan gilt für viele Experten als der beste Spieler, den es je gab - der erfolgreichste ist er nicht. (© Foto: Getty)

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Der Snooker-Weltverband prüfte die Vorkommnisse und entschuldigte sich vorsorglich "beim gesamten chinesischen Volk". Es war im Gespräch, O'Sullivan für die WM, die von diesem Samstag an im renovierten Crucible Theatre in Sheffield ausgetragen wird, zu sperren. Nach einer persönlichen Entschuldigung darf O'Sullivan doch starten, er gilt bei den Buchmachern als klarer Favorit. Obwohl es in der ersten Runde sportlich interessantere Partien gibt, liegt der Fokus der britischen Medien auf dem Duell zwischen Ronnie O'Sullivan und dem Chinesen Liu Chuang. Mal sehen, wie er gegen den Außenseiter spielt und wie er sich dabei benimmt.

Zwei bedeutende Snooker-Rekorde

Der 32 Jahre alte O'Sullivan ist das Zugpferd, obwohl oder gerade weil er Benimmregeln als für sich nicht geltend erklärt. Snooker ist ein Sport, bei dem das Heben eines Fingers als ungeheuerlicher Gefühlsausbruch gilt. O'Sullivan flucht, zeigt Kugeln den Mittelfinger, wenn sie nicht in die Tasche fallen wollen; er beleidigt Schiedsrichter und verlässt schon mal eine Partie, wenn er keine Lust mehr hat. Das Wort Respekt hat er aus seinem Vokabular verbannt. Als er 1996 Alain Rubidoux besiegte, obwohl er mit der falschen Hand spielte, erklärte er lapidar: "Ich spiele mit links eben besser als die meisten mit rechts."

O'Sullivan ragt charismatisch wie sportlich heraus. Er gilt als Wunderkind, er ist einer, der Snooker spielt und nicht arbeitet. Bei der Weltmeisterschaft 1997 schaffte er das schnellste Maximum Break der Geschichte. Wie der tasmanische Teufel jagte er um den Tisch, versenkte alle 8,8 Sekunden eine Kugel. Er spielte den besten Frame seiner Karriere - und schied eine Runde später aus.

O'Sullivans unfassliches Talent ist sein größtes Hindernis. Er hält zwei bedeutende Snooker-Rekorde: den für die meisten Maximum Breaks und den für die meisten Niederlagen nach Führungen, die man nicht mehr verschenken darf. Er versenkt Bälle, die sich selbst die Besten des Sports nicht einmal zu spielen trauen, er plant Spielzüge ähnlich wie Schachspieler weit im voraus, er kann einen Tisch lesen wie andere Menschen ein Kinderbuch. Das Wissen um seine Fähigkeiten ließ ihn selbstbewusst werden und verleitete ihn zu Aussagen wie vor der WM im vorigen Jahr: "Selbst wenn ich scheiße spiele, kann ich immer noch Turniere gewinnen."

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