Englands Snooker-Ass Mark Selby gilt als Zerstörer von Ästhetik. Die Konkurrenten bei der WM in Sheffield fürchten ihn aber auch wegen seiner Fans.
Es gibt einen Stoß beim Billard, der einfach zu lernen ist, für ungeübte Beobachter jedoch raffiniert erscheint. Der Spieler trifft die weiße Spielkugel mit seinem Queue weit unten, lupft sie über den einen Ball und versenkt den anderen. Wohl jeder Billardspieler hat diesen Stoß in einer Notlage schon einmal ausgeführt - außer Mark Selby. "Ich kann das einfach nicht. Es klingt verrückt, aber ich beherrsche es nicht", sagt er.
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"Taktik gehört zu meinem Spiel. Wenn ein anderer besser agiert, dann braucht man eben Plan B": Snooker-Profi Mark Selby bei der Arbeit. (© Foto: Getty)
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Selby gehört in der schwierigsten Billardvariante Snooker zur Weltspitze - und muss sich doch anders aus diesen Situationen befreien, er tut dies mit einem weit filigraneren Stoß als dem gelupften Ball. Beinahe senkrecht hält er dabei sein Queue und klopft seitlich auf die Spielkugel. Die dreht sich um den einen Ball herum und läuft dann schnurgerade auf den anderen zu. "Wie gut, dass es im Snooker diese Regel gibt", sagt Selby. Diese Regel besagt, dass der Spielball das Tuch nicht verlassen darf.
Um ein Uhr an der Bar
Selby ist einer der Favoriten bei der Snooker-WM, die seit Samstag im Crucible Theatre in Sheffield stattfindet. Nach schwierigem Saisonstart hat sich der 24-Jährige auf den achten Platz der Weltrangliste vorgearbeitet, in der ersten Runde traf er auf Ricky Walden. Immer wieder unterband Selby den Spielfluss des Gegners, nervte ihn mit einer Reihe von Sicherheitsstößen und gewann sicher mit 10:6.
Zwei Jahre ist es her, da schaffte es der junge Brite überraschend ins Finale beim wichtigsten Billard-Turnier weltweit - er tat es mit einer Unbekümmertheit, die nur noch selten zu sehen ist im Sport. Zwischen dem Viertel- und Halbfinale fuhr er in seinen Heimatort Leicester, um mit seinen Freunden ein Ligaspiel im Pool-Billard zu absolvieren. "Das hatte ich ihnen versprochen", sagt er über die 120-Kilometer-Fahrt. Am Abend vor dem Finale stand er um ein Uhr nachts an der Hotelbar ("Ich konnte nicht schlafen und hatte Durst"), eine halbe Stunde vor Beginn des Endspiels fragte er naiverweise an der Kasse nach, ob es denn noch ein paar Karten für seine Freunde gäbe.
Selbys Erfolg gründet auf einer Spielweise, die sich mit "Den Gegner an den Rand des Wahnsinns treiben" umschreiben lässt. Stephen Hendry, einer der erfolgreichsten Spieler, veränderte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Ästhetik des Snooker, als er riskante lange Bälle versenkte und so hohe Breaks startete. Ronnie O'Sullivan, der derzeit beste Spieler der Welt, hat diese Spielkunst verfeinert, indem er neben dem langen Einstiegsball auch scheinbar aussichtslos anmutende Spielsituationen ebenso riskant wie genial auflöste. Selbys Taktik besteht darin, jede Form von Ästhetik zu zerstören.
Vor seinen Stößen lässt er sich aufreizend viel Zeit, mit der Ruhe einer irischen Weidekuh betrachtet er das Bild auf dem Tisch. Er spielt kaum riskante Bälle, vielmehr versucht er, seine Gegner mit zeitlich perfekt abgestimmten Sicherheitsstößen in eine Falle zu locken - selbst dann, wenn die Konstellation der Kugeln günstig wäre, ein hohes Break zu versuchen.
"Ich weiß nicht, ob Mark Talent hat", schimpft O'Sullivan, jener Spieler, zu dessen Tugenden die Geduld nicht zählt und der sein Auftaktmatch in Sheffield sicher gewann. "Sein Spiel ist negativ und langweilig. Der versucht keinen Ball, außer er fällt sicher. Ich musste die Tupfen auf dem Löffel zählen, so langweilig war das. 108 auf beiden Seiten."
Selby selbst sind diese Vorwürfe egal, er sagt: "Taktik gehört zu meinem Spiel. Wenn ein anderer besser agiert, dann braucht man eben Plan B." Er sagt diese Worte nicht entschuldigend, sondern mit schelmischem Grinsen. Er sticht gerne heraus in einem Sport, in dem es sich geziemt, nicht herauszustechen.
Ein Sport, der seinen Akteuren neben der technischen Brillanz - man muss eine Kugel mit 52,5 Millimeter Durchmesser in Taschen versenken, die gerade einmal 84,7 Millimeter breit sind - vor allem psychisch viel abverlangt. Nach einer Spielzeit von vier Stunden reicht eine kleine Ungenauigkeit aus, um eine Partie zu entscheiden - wie im Halbfinale der UK Championship 2007. Selby verpasste einen Ball um zwei Millimeter, O'Sullivan spielte daraufhin ein Maximum Break mit 147 Punkten und gewann das Match.
Fans im Crucible Theatre
Weil die Spieler konzentriert sein müssen, wird das Kopfnicken eines Journalisten vor einem Stoß als Ungeheuerlichkeit interpretiert und die Faust eines Akteurs als Gefühlsausbruch interpretiert. Und dann kommt da dieser Selby mit rot gesträhnten Haaren und schleppt Fans in die Halle, die nicht ehrfürchtig klatschen, sondern hineinbrüllen. "Das hier ist keine Pool-Halle", schimpfte Shaun Murphy im vergangenen Jahr. "Da können wir die WM auch in einem Casino austragen." Selbys Konter: "Sie haben ja nicht während des Stoßes gerufen, also sehe ich nicht, wo das Problem liegt."
Selbys Fans strömen derzeit wieder in das Crucible Theatre, in diese ehrwürdige Halle, die gerade renoviert und nur zur Snooker-WM geöffnet wird. Bei seinen Spielen geht es wieder lauter zu als bei den Partien aller anderen Teilnehmer zusammen. Selby bringt das freilich nicht aus der Ruhe. Ihn bringt nichts aus der Ruhe - außer ein Ball, den er lupfen müsste.
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