Von Jürgen Schmieder

John Higgins gewinnt als bester Allrounder zum dritten Mal die Snooker-WM. Doch der starke Nachwuchs deutet an, dass sich diese Sportart bald verändern wird.

Es war schon ein mittlerer Skandal, der sich in der vergangenen Woche im Crucible Theatre in Sheffield anbahnte. Gewöhnlich dauert die Weltmeisterschaft im Snooker 17 Tage - und nun gab es nicht zu leugnende Anzeichen, dass sie in diesem Jahr bereits nach acht Tagen vorüber sein könnte. Ronnie O'Sullivan verlor seine Zweitrundenpartie gegen den Jungspund Mark Allen mit 11:13 und schied aus. O'Sullivan, dessen Genialität nur von seiner Flegelhaftigkeit übertroffen wird, kommentierte sein Ausscheiden so: "Jetzt wird es langweilig. Seit Jahren trage ich Snooker auf meinen Schultern. Dieser Sport stirbt."

Bild vergrößern

"Ich habe die schwierigen Bälle getroffen, Shaun hat einige leichte verschossen. Das war der Schlüssel", sagt John Higgins nach dem Finale. (© Foto: AFP)

Anzeige

Nicht wenige Experten stimmten dem Weltranglistenersten zu und bemerkten süffisant, dass am Tag nach O'Sullivans Scheitern zwei Zuschauer ohnmächtig vom Stuhl fielen. Es könnte Langeweile gewesen sein, bemerkten die Beobachter.

In der Tat hat Snooker seit Jahren mit einem Imageproblem zu kämpfen, weshalb sich Anhänger dynamischerer Disziplinen schwertun, die schwerste aller Billard-Varianten als Sport zu akzeptieren. Die Spieler sind angezogen, als wären sie auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Oberkellner, grandiose Leistungen feiern sie nicht mit einem Tanz an der Eckfahne, sondern quittieren sie mit einem Kopfnicken. Stundenlang stehen sie am Tisch und versenken millimetergenau einen Ball nach dem anderen, bis endlich ein Sieger feststeht, eine Nettospielzeit von mehr als sechs Stunden für eine einzige Partie sind keine Seltenheit. "Wir brauchen Regeländerungen, um das Spiel interessanter, schneller und begeisternder zu machen", forderte O'Sullivan nach seiner Niederlage. "Es muss sich endlich etwas tun."

Es tat sich tatsächlich etwas bei diesem Turnier, doch bedurfte es keiner Regeländerungen, sondern neun Turniertage ohne O'Sullivan, um die Faszination dieses Sports zu verdeutlichen. Die zweite Turnierhälfte wurde zu einem der besten Wettkämpfe der vergangenen Jahre.

Das lag zum einen an der Rekordzahl von 83 Century Breaks, die ein Spieler dann mit einem Kopfnicken feiern darf, wenn er in einem Spielabschnitt mehr als 100 Punkte erzielt, ohne seinen Gegner durch einen Fehlschuss an den Tisch zu lassen - die bisherige Bestmarke lag bei 68. Es lag an jungen Spielern wie Mark Selby, Jamie Cope und Mark Allen, die mit rotzfrechem und taktisch einfühlsamem Spiel für frischen Wind sorgten - und bei guten Leistungen nicht nur mit dem Kopf nickten, sondern hin und wieder gar die Faust in die Höhe reckten.

Es lag auch am Maximum Break von Rekordweltmeister Stephen Hendry, dem mittlerweile zwar die Kondition für einen Turniergewinn fehlt, der aber noch immer magische Momente wie diesen kreieren kann - um sie dann mit einem Kopfnicken abzutun.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Grauhaariger Kopfnicker
  2. Ein deutliches Finale
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...