Von Jürgen Schmieder

Ronnie O'Sullivan ist zum dritten Mal Snooker-Weltmeister geworden - auch eine Folge seiner taktischen Weiterentwicklung.

Ali Carter stand am Tisch und schüttelte den Kopf. Der weiße Spielball lag hinter der gelben Kugel, es war unmöglich, auf direktem Weg einen roten Ball anzuspielen. Carter sah auf den Schiedsrichter. Er sah ins Publikum. Er sah auf den Tisch. Dann sah er seinen Gegner an und schüttelte wieder den Kopf. Carter rätselte weniger darüber, wie er aus dieser kniffligen Situation im 18. Frame herauskommen würde - er wird sich vielmehr gefragt haben, ob sein Gegner im Finale der Snooker-WM wirklich Ronnie O'Sullivan war oder doch nur jemand, der sich als O'Sullivan verkleidet ins Crucible Theatre geschlichen hat.

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Ronnie O'Sullivan feiert seinen dritten WM-Titel. (© Foto: AP)

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Es war das taktische Vorgehen seines Gegners, das Carter verblüffte. Der O'Sullivan, den Carter aus zahlreichen Trainingspartien kennt, ist ein aggressiver Snookerspieler, der jede Kugel versenken möchte und das auch aus aussichtslosen Positionen versucht. Er hetzt um den Tisch, bis keine Kugel mehr darauf liegt - oder er mit einem Fehler seinem Gegner den Frame schenkt. Taktisches Geplänkel ist ihm zuwider und bei den Worten "Sicherheitsstoß" und "Safety" verzieht er das Gesicht.

Während der Weltmeisterschaft präsentierte sich den Zuschauern und Gegnern ein anderer Ronnie O'Sullivan: Anstatt wie John Kimble auf der Flucht um den Tisch zu jagen, überlegte er sich jeden Stoß genau, im Finale betrug seine "Shot Time" (die Zeit, die man für einen Stoß benötigt) einmal mehr als eine Minute. Für die Verhältnisse von "The Rocket" ist das eine endlos lange Zeit. Er verzichtete auf spektakuläre Aktionen, hohe Breaks und martialische Mimik, sondern bemühte sich um fehlerloses Spiel und platzierte immer wieder unfasslich präzise Sicherheitsbälle. Ihm gelang im Finale nur ein Century Break, im Halbfinale waren es noch fünf, im Achtelfinale schaffte er wie Finalgegner Carter ein Maximum Break. Die Sicherheits-Taktik im Finale ging auf, O'Sullivan besiegte den überforderten Carter mit 18:8.

"Das war nicht ganz so große Unterhaltung heute", sagte er nach der Partie. "Aber bei solchen Spielen geht es zuerst ums Gewinnen." So spricht jemand, der lieber dreifacher Weltmeister genannt werden möchte als schwieriges Genie. Der härteste Gegner von Ronnie O'Sullivan war in den vergangenen Jahren stets Ronnie O'Sullivan. "Er schlägt sich meistens selbst", urteilte John Higgins einmal.

Ein Kompliment, das ihm mehr bedeutet als der WM-Titel

In dieser Saison ist es anders, bereits bei den UK Championships im Dezember deutete O'Sullivan die taktische Weiterentwicklung an, er zeigte, dass Ronnie durchaus gegen O'Sullivan gewinnen kann. Bei der WM folgte die logische Fortsetzung. Kein Spieler konnte mehr als sieben Frames gegen ihn gewinnen, im Halbfinale demütigte er seinen Erzrivalen Stephen Hendry, als er alle Frames der zweiten Session für sich entschied. Hendry bezeichnete ihn nach dieser Partie als den "besten Spieler der Welt" - ein Kompliment, das O'Sullivan "mehr bedeutet als der WM-Titel."

Noch überschwänglicher als Hendry war Altmeister Steve Davis, der O'Sullivan auf eine Stufe mit Tiger Woods und Roger Federer stellte. Davon jedoch wollte der Gelobte nichts wissen: "Steve ist verrückt." Er kokettierte lieber damit, dass er nun eine Pause vom Sport einlegen könnte - und machte auf der Pressekonferenz einen Rückzieher: "Ich will schon noch ein paar Mal Weltmeister werden. Zu Hendrys Rekord fehlen nur noch vier Titel." Er fühle sich gut genug, noch einige Jahre auf diesem Niveau spielen zu können - oder noch besser.

Denn ganz zufrieden mit seiner Leistung war O'Sullivan trotz der deutlichen Siege nicht. "Es tut mir leid für die Zuschauer, dass ich nicht immer auf höchstem Niveau gespielt habe. Aber ich habe gelernt, dass das gar nicht nötig ist", sagte er nach dem Finale. Als er diese selbstbewusste Aussage gehört hatte, war sich auch Ali Carter wieder ganz sicher, dass er gegen Ronnie O'Sullivan gespielt hatte.

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(sueddeutsche.de/mb)