Skisprung-Hoffnung Andreas Wellinger Daheim gibt es keine Extrawurst

Es gibt verschiedene Typen von Athleten-Eltern: die überehrgeizigen, die überfürsorglichen, die ungnädigen. Es gibt Eltern, die als Fans ihrer Kinder auftreten, die das Fernsehen als Randfiguren der Sportoper inszeniert. Es gibt Eltern, die mit der Karriere des Kindes nachholen wollen, was sie selbst verpasst haben. Und es gibt Eltern, die gar nichts von der Berühmtheit ihres Kindes abhaben wollen wie die Eltern des früheren Weltmeisters Martin Schmitt, die grundsätzlich keine Interviews geben. Claudia Hummel und Hermann Wellinger sind anders. Sie haben kein überzogenes Geltungsbedürfnis, sie wollen keine Fotos von sich in der Zeitung und niemandem reinreden. Aber sie wissen, wovon sie sprechen, wenn sie von Nachwuchs und Leistungssport sprechen. Der Polizist Wellinger hatte einst Weltcup-Einsätze als Alpinskifahrer. Claudia Hummel ist auch Rennen gefahren, heute ist sie Wettkampfsekretärin beim SC Ruhpolding und Skisprungrichterin.

Der Sport gehört in die Familie wie die Berge ins Chiemgau. Alle Kinder lernten früh skifahren, alle hatten Talent. Nur der Sohn ist dann so richtig in die Leistungssportkarriere eingebogen. Es ergab sich einfach so. Er stand mit zweieinhalb erstmals auf Ski und fing schon mit den Alpinbrettern an zu springen. Die Kinder bauten sich Schanzen am Lift in Weißbach, sie bretterten über die Hügel im Winterwald, und als der kleine Andreas mit sechs Sven Hannawald im Fernsehen auf allen vier Schanzen der Tournee gewinnen sah, wollte er Skispringer werden. Die Eltern fuhren ihn zum SC Ruhpolding, weil dort die nächste Schanze stand, und dort ging es los: nachhaltige Ski-Nordisch-Ausbildung, Wettkämpfe, Talentsichtung. Die Eltern hatten gar keine Zeit, Angst um den Sohn zu haben, so beiläufig kletterte er die großen Bakken hinauf. "Auf einmal kommt er heim und sagt: Ich bin im Training heute von der Neunzig-Meter-Schanze gehupft", sagt Claudia Hummel. "Man wächst da einfach rein", sagt Hermann Wellinger, "man hat dann irgendwann das Vertrauen, dass er das machen kann."

Mit zwölf wechselte Andreas Wellinger von der Realschule in Traunstein aufs Ski-Internat in Berchtesgaden. Den Vater war entspannt, Hermann Wellinger war selbst früher im Berchtesgadener Ski-Internat. Die Mutter schluckte, aber natürlich ließ sie ihn ziehen. "Er hat uns nie das Gefühl gegeben, dass er ein Problem hat damit, und dann akzeptiert man das auch leichter", sagt Claudia Hummel. "Er ist mit Hurra abmarschiert von zu Hause."

Mit 15 wechselte er von den Kombinierern zum Spezialsprung. Er startete bei Jugend-Olympia, überzeugte im Continental Cup, fiel dem Chefbundestrainer Werner Schuster auf usw. Die Eltern waren Begleiter und Beobachter in dieser Zeit, sie etwas nervöser als er, und beide nur im Zweifel Ratgeber. "Er war nie einer, der uns als Eltern ständig gebraucht hat. Er kümmert sich um Vieles selber", sagt Claudia Hummel. "So haben wir versucht, alle drei Kinder zu erziehen", sagt Hermann Wellinger.

Und jetzt ist der kleine Andi also im Fernsehen. 1,84 Meter, leicht, athletisch, nervenstark. Die jüngste deutsche Skisprung-Hoffnung. "Schon komisch", sagt Claudia Hummel. Der Opa hat das letzthin so nett gesagt, Dieter Hummel, früher Direktor des Amtsgerichts Starnberg und Vizepräsident des Deutschen Skiverbandes: "Jetzt ist da wieder ein Deutscher, der was zerreißt, und dann ist man mit dem auch noch verwandt." Eine besondere Geschichte hat angefangen, die Eltern denken sich ihren Teil. Es werden Rückschläge kommen, keine Frage. Und was passiert, wenn der Andi wirklich berühmt ist? "Der hebt nicht ab", sagt Claudia Hummel, "die Trainer haben irgendwo ein Auge drauf."

Daheim gibt es ohnehin keine Extrawurst. Tanja, die in Österreich als Fitnesskauffrau arbeitet, und Julia, die angehende Bankkauffrau, wollen was anderes hören vom Brüderchen als Skisprung-Schwärmereien. Und die Eltern machen erst recht kein Theater. "Momentan bin ich der Meinung, man sollte das Ganze gar nicht unbedingt thematisieren, wenn er zu Hause ist", sagt Hermann Wellinger. Was der Bub übers Skispringen sagt, können sie ja im Fernsehen hören, wenn er wieder fort ist.