Ski alpin: Frauen Rodeo im Steilhang

Feierte ihren siebten Weltcupsieg: Federica Brignone.

(Foto: Leonhard Föger/Reuters)

Das neue Jahr beginnt turbulent für die Speed-Fahrerinnen: Ehe der Super-G in Bad Kleinkirchheim stattfindet, ist ein kleines Wunder nötig. Dann gewinnt Federica Brignone.

Von Johannes Knuth, Bad Kleinkirchheim

Die Skirennfahrerin Lindsey Vonn ist mit Glückwünschen durchaus vertraut, die US-Amerikanerin hat bei ihren bislang 78 Siegen im Weltcup schon die eine oder andere Gratulation entgegengenommen. Am Samstag, beim Weltcup in Bad Kleinkirchheim war Vonn nun selbst als Gratulantin gefragt. Und auch dieser Aufgabe kam sie fachkundig nach. Sie tätschelte die Italienerin Federica Brignone an der Backe, umarmte sie ausdauernd, klopfte ihr auf die Schulter. Der Super-G der Frauen lief noch, aber Brignone, das war längst klar, würde sich nicht mehr von der Spitze verdrängen lassen. Die Italienerin hat vor zwei Jahren mal einen Super-G auf ihre Seite gezerrt, sie bevorzugt aber eigentlich den kurvigeren Riesenslalom. "Ich wusste, dass ich halbwegs gut unterwegs war", sagte Brignone, "aber dass es für ganz vorne reicht, hätte ich nicht gedacht." Vonn auch nicht unbedingt.

Die Schnellfahrerinnen im alpinen Weltcup hatten zuletzt viel Geduld aufbringen müssen. Ihre bislang letzte Abfahrt fand in Lake Louise statt, Anfang Dezember. Danach folgten vier kurvigere Super-Gs und drei zähe Wochen, in denen die Abfahrt in Val d'Isère im Schneegestöber versank. Die Fahrerinnen erwarteten ihr erstes Wochenende im neuen Jahr, den Super-G und die Abfahrt in Bad Kleinkirchheim, also mit heißer Vorfreude. Bis zu den Olympischen Spielen im Februar stehen ja nur noch zwei schnelle Weltcup-Stationen im Kalender. Wobei: Mit der Vorfreude war das am Wochenende erst mal so eine Sache.

Die Piste in Bad Kleinkirchheim gilt als eine der härtesten im Weltcup der Frauen

Der Donnerstag hatte mit einer eher betrüblichen Nachricht begonnen. "Der Schnee", befand Vonn "ist tot", und mit diesem Eindruck war sie nicht allein. Es hatte heftig geregnet in Kärnten, und die Helfer hatten die Weltcup-Piste anschließend etwas spät präpariert. Noch am Donnerstag, vor dem ersten Training, war der Schnee weich "wie Zucker", wie Vonn befand. Die 33-Jährige überlegte offen, ob sie am Samstag starten sollte, weicher Schnee sei schlecht für ihre ramponierten Knie, sie wolle nichts für die Olympischen Spiele riskieren. Die Organisatoren verkürzten dann das einzige Training am Freitag, um die Piste zu reparieren, sie verlegten die zweite Hälfte des Trainings und die Abfahrt auf den Sonntag, zogen den Super-G auf Samstag vor. Sie retteten tatsächlich, was noch zu retten war. "Sie haben ein kleines Wunder vollbracht", sagte die Schweizerin Lara Gut am Samstag. Vonn befand: "Es war ein Rodeoritt, aber es hat mehr Spaß gemacht, als ich gedacht hätte."

Die Piste in Bad Kleinkirchheim, benannt nach Österreichs Abfahrtsheld Franz Klammer, gilt als eine der härtesten im Weltcup der Frauen, und warum das so ist, zeigte die Italienerin Sofia Goggia, die den Super-G am Samstag eröffnete. Goggia rauschte schnell in die langgezogene Linkskurve im oberen Teil, zu schnell, sie musste scharf bremsen, um die folgende Rechts-Links-Schikane vor dem Steilhang zu erwischen. Vonn, als Zweite an der Reihe, zwängte sich flinker durch diese Prüfung. Doch im unteren Teil, wo der Schnee weicher und die Fahrten nicht mehr schön anzusehen waren, fuhr sie vorsichtiger - zu vorsichtig: Platz neun. "Es ist lustig", sagte Vonn, "ich bin die schweren Teile besser gefahren und die einfacheren schlechter." Allzu belustigt klang sie dabei freilich nicht.

Keine Deutsche erreicht das Ziel

Die Konkurrenten nutzten das aus, erst Tina Weirather aus Liechtenstein, dann Lara Gut. Die Schweizerin erwischte die Linkskurve im oberen Teil derart prächtig, dass sie sich problemlos durch die Schikane schlängelte und viel Tempo in die folgende Passage überführte. Das Ziel erreichte sie mit einer Sekunde Vorsprung, dabei war Gut am viertletzten Tor mit der Hand hängen geblieben und hatte die Innenstange aus der Verankerung gerissen. Die Kollision kostete Gut vermutlich den ersten Sieg seit ihrer Kreuzbandverletzung. Brignone fuhr kurz darauf ähnlich stark, nur eben bis zum letzten Tor. Alle scheiterten an ihrer Zeit, die Österreicherin Cornelia Hütter, die Dritte wurde, Anna Veith, Tessa Worley und auch Nadia Fanchini, am Ende Fünfte. Am Freitag war bekannt geworden, dass Fanchinis Schwester und Teamkollegin Elena an einem Tumor leidet. Das Geschwür sei gutartig, so sei nun mal das Leben, teilte die ältere Fanchini mit. Sie werde zurückkommen.

Die Deutschen, angetreten ohne ihre grippekranke Vorfahrerin Viktoria Rebensburg, erreichten am Samstag nicht das Ziel. Sowohl Michaela Wenig als auch Kira Weidle fuhren an einem Tor vorbei und schieden aus. Immerhin erging es ihnen besser als der direkt vor Weidle gestarteten Ungarin Edit Miklos, die im Ziel schwer gestürzt war - Verdacht: Kreuzbandriss.

Bleibt noch die Abfahrt am Sonntag, wenn das Wetter sich nicht wieder einmischt. Die Fahrerinnen sollen am Sonntagmorgen den restlichen Teil ihrer Trainingsfahrt nachholen, nur wenn die Fahrt durchgedrückt wird, können sie am Mittag die Abfahrt starten. So will es das Reglement. Es ist ein ambitionierter Plan, zumal es am Sonntag schneien soll, das könnte das Programm verzögern. Sie brauchen wohl ein zweites kleines Wunder, aber damit kennen sie sich in Bad Kleinkirchheim ja mittlerweile aus.