Ski Locker, Linus, locker

Die Piste in Kitzbühel gilt als eine der schwierigsten der Welt. Linus Strasser, der Instinkt-Skifahrer, sagt: "Es ist mein Hang."

(Foto: Olivier Morin/AFP)

Linus Strasser war der Senkrecht-Starter der vergangenen Saison - vor dem Slalom auf dem Kitzbüheler Ganslernhang, auf dem er einst das Skifahren lernte, kämpft er mit den Erwartungen.

Von MARIUS BUHL

Rocky Balboa, der Boxer aus dem gleichnamigen Film, war ein großer Kämpfer, als Redner war er aber noch besser. Einmal belehrte er seinen Sohn: "Der Punkt ist nicht, wie hart einer zuschlagen kann", sagte Rocky. "Es zählt nur, wie viele Schläge er einstecken kann und ob er trotzdem weiter macht." Der Skirennfahrer Linus Strasser mag diesen Spruch. So sehr, dass er ihn neulich bei Facebook postete.

Der 23-Jährige hat in dieser Saison schon etliche Schläge eingesteckt. Beim ersten Weltcup-Slalom der Saison in Val d'Isère rutschte er an jedem Tor ein Stück von der Ideallinie weg, am Ende verlor er fast vier Sekunden auf die Bestzeit. Im zweiten Lauf durfte er gar nicht mehr fahren. Dasselbe Schicksal ereilte ihn kurz darauf in Madonna di Campiglio und Santa Caterina. Beim vierten Slalom der Saison, in Adelboden, attackierte er, die Zeit stimmte zunächst. "Das ist jetzt endlich mal wieder der Linus Strasser, wie wir ihn im vergangenen Winter kennen und schätzen gelernt haben", rief der Reporter im Fernsehen. Strasser ballte die Faust. Endlich. Im zweiten Lauf vertrödelte er die gute Zeit.

Er gehört jetzt zur Spitze, darauf könnte er stolz sein. Aber nur dabei zu sein, genügt ihm nicht

Strasser ist gerade 23 geworden, für einen Rennfahrer ist er noch jung. Eigentlich könnte er stolz sein, dass er es in die Spitze seines Sports geschafft hat. Aber Strasser ist nicht zufrieden mit Teilnehmer-Urkunden. Nicht mehr seit vergangener Saison.

Ein Jahr ist es her, da drängte der Ski-Lehrling mit den blonden Locken aus der zweiten Reihe in die erste. Mit zwei fulminanten Läufen katapultierte er sich in Kitzbühel auf Rang 14 und damit ins Bewusstsein der deutschen Ski-Fans. Es war aber nicht nur Strassers Fahrt, die begeisterte. Es war auch die Geschichte dahinter.

Sie geht so: Ein Bub, der kleine Linus, wächst in München auf. Sein Papa hat eine Wohnung in Kitzbühel, er nimmt ihn mit zum Skilaufen, der Kleine fährt schon mit fünf Jahren blendend. Der Papa will ihn beim Skiclub anmelden, doch die haben wenig Lust auf einen Münchner Piefke. Der Bub soll erst mal vorfahren. Nach drei Schwüngen sagt der Trainer: "Den nehm' ich." 18 Jahre später kommt der Bub zurück - und fährt in die Welt-Elite.

Der Kick von Kitz trug Linus Strasser durch die Saison: In Schladming raste er auf Rang fünf und qualifizierte sich für die Ski-WM in Vail, bei der er Zehnter wurde. Aus dem Lehrling wurde ein Meister seines Fachs. Für diese Saison erwarteten die Experten die Krönung. Doch es kam anders.

Zwischen Sieg und Niederlage liegen bei Skifahrern oft nur wenige Sekunden. Weil die Spitzenfahrer technisch alle ähnlich stark sind, entscheiden andere Faktoren. Ski und Schuh müssen zusammenpassen, die Einstellung muss stimmen, die Tagesform sowieso. Strasser weiß, woran es bei ihm liegt: "Mir fehlt die Lockerheit der Vorsaison." Während im vergangenen Jahr niemand Glanzvolles erwartete, schauen sie nun auf ihn. Das ist der Strasser, der Überflieger des letzten Jahres, sagen sie. Wie aber findet man Lockerheit wieder?

Im Europa-Cup, der zweiten Liga des Skisports, sind Strasser in dieser Saison zwei, drei gute Läufe geglückt. Einmal fand in Italien ein Parallel-Riesenslalom statt. Bei diesem modernen Skirennen starten zwei Sportler gleichzeitig, der Schnellere rückt in die nächste Runde. Zwischen den Toren springen sie über Schanzen, eine Kanone neben der Strecke schießt Flammen in den Nachthimmel. Die Zuschauer wunderten sich. Das war nicht der verkrampfte Strasser aus den Weltcups, den sie da sahen. Das war wieder der lockere Strasser. Runde um Runde kämpfte er sich weiter, am Ende wurde er Vierter. "Diese Art des Wettkampfs mag ich", sagte er danach. "Wir sollten so etwas im Weltcup starten. Vier Parallel-Slaloms in kurzer Zeit an coolen Orten, als Pendant zur Vierschanzen-Tournee."

Damals, als Bub in Kitzbühel, fuhr Strasser am liebsten neben der Piste: auf Buckelpisten, auf Wellenbahnen, im Wald. "Ich bin eigentlich ein Instinkt-Skifahrer", sagt er. Wenn er ein, zwei Tage rennfrei hat, klebt er sich Felle unter die Ski und marschiert damit auf einen einsamen Berg; im Tiefschnee fährt er wieder ab. Keine Slalomstangen, keine Zuschauer. Er denkt dann nicht an Niederlagen, sondern an die Schönheit seines Sports.

Am Sonntag fahren die Slalomfahrer wieder in Kitzbühel, ein Jahr nach Strassers fulminanten Läufen. Die Piste dort gilt als eine der schwierigsten der Welt. Das Gelände wirft Buckel, wechselt ständig die Steilheit, der Hang fällt schräg ab. Nur wer mit der Strecke spielt, landet vorne. Es braucht Instinkt dafür - und Lockerheit. "Es ist mein Hang", sagt Strasser.