Ski alpin Stürzen, hämmern, lächeln

Lindsey Vonn gewinnt den Abfahrts-Weltcup. Aber darüber reden in La Thuile die wenigsten.

Von Johannes Knuth, La Thuile/München

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Lindsey Vonn den Durchblick im Schneegestöber hatte, ehe sie die Anzeigetafel im Zielraum von La Thuile erspähte. Ihr missfiel, was sie dort sah. Vonn hatte sich gerade an die zweite Stelle geschoben, hinter die Italienerin Nadia Fanchini, die später die Abfahrt vor der Amerikanerin gewinnen sollte. Für Vonn war es ein besserer Ertrag als der vom Vortag, als sich ein Ski aus der Bindung gelöst hatte, sie gestürzt war und keinen Punkt in die Wertung getragen hatte.

Aber zweite Plätze sind halt nur bedingt hilfreich, wenn man immer die Beste sein will, auch, oder gerade weil Vonn bereits 76 Weltcupsiege gesammelt hat. In der Hinsicht war das bisherige Wochenende in Italien tatsächlich ein mäßig zufriedenstellendes für die Skirennfahrerin Lindsey Vonn. Überhaupt ließen sich am Samstag ungewohnte Klänge vernehmen: "Ich war am Start nicht sicher", sagte sie, die sich für gewöhnlich so kompromisslos wie keine andere die Weltcup-Pisten hinunterwirft, diese Autobahnen aus Eis. Und jetzt? "Es war schwierig mit dem Selbstvertrauen", sagte Vonn.

Schrecksekunde: Lindsey Vonn stürzt in La Thuile, Italien.

(Foto: Marco Trovati/AP)

Vonn zerstört ihre Bindung mit Vorschlaghammer

Eigentlich war gar nicht so viel schiefgelaufen bei den ersten beiden Weltcup-Abfahrten am Freitag und Samstag im Aostatal. Vonn hatte sich mit ihrem zweiten Platz am Samstag den Sieg in der Abfahrtswertung gesichert, vorzeitig. Sie wird dafür Mitte März beim Saisonfinale mit ihrer 20. Kristallkugel entlohnt, es ist der nächste Rekord in einer Saison, in der sie Bestmarken mit großer Routine zerschmettert. Der bisherige Bestwert hatte dem Schweden Ingemark Stenmark gehört (19). Vonn schob sich zudem wieder an die Spitze des Gesamtweltcups, an der sie die Schweizerin Lara Gut, Beste des Freitags und Elfte am Samstag, kurz vertreten hatte. Sie sei sehr stolz, sagte Vonn, und versah ihren Stolz mit einem bemühten Lächeln.

Am Ende redeten dann aber doch alle über Vonns Unfall vom Freitag, beziehungsweise: Wie Vonn auf ihren Unfall reagierte.

Eine Bindung gibt einen Ski nur dann frei, wenn der Skirennfahrer die Kontrolle verliert, stürzt, oder wenn der Mechanismus falsch kalibriert ist. Vonn rang kurz vor ihrem Sturz am Freitag mächtig mit der Schwerkraft, ihr Außenski, auf dem im Idealfall die meiste Belastung lastet, baumelte bedenklich in der Luft herum. Sie kippte auch mit dem Oberkörper nach hinten, Vonn hatte wirklich Mühe, die Kontrolle über ihr in Turbulenzen geratenes System wiederzuerlangen - als sich plötzlich der Außenski löste. Vonn stürzte. Ein Unding, fand sie. Die Technik habe ihr die Chance geraubt, ins Rennen zurückzufinden. Am Abend präsentierte sie ein Video von sich auf ihrem Facebook-Profil, verfügbar für ihre knapp 1,2 Millionen digitalen Anhänger sowie den Rest der Netzgemeinde. Vonn schlug darin mit einem Hammer auf ihre Bindung ein. Was ihren Ausrüster, vorsichtig formuliert, irritierte.

Amerikanerin gibt sich einsichtig: "Ich habe einen Fehler gemacht"

Christian Greber, Rennchef von Vonns Skifirma Head, sagte im österreichischen Fernsehen, dass die Bindung den Ski zurecht entkoppelt habe. "Es war ein Fehlverhalten da, zu wenig Belastung, da muss die Bindung einfach aufgehen", fand Greber. Überhaupt habe Heinz Hämmerle, Vonns Servicemann, seiner Fahrerin jahrelang bestens präparierte Skier verschafft, fügte Greber an. Auch deshalb könne man Vonns Ärger nicht nachvollziehen. Die Amerikanerin war am Tag darauf offenbar zur gleichen Erkenntnis gelangt. In der Nacht, als die erste Wut verraucht war, löschte sie das Video, sie bastelte mit ihrem Manager zudem an einer Entschuldigung, die sie Head-Vorstand Johan Eliasch übermittelte. Und ihrer Facebook-Fanschaft. "Ich habe einen Fehler gemacht, so wie jeder mal einen Fehler macht", schrieb sie. "Ich hatte viele Emotionen und hätte einfach mit meinem Trainer boxen sollen."

Eliasch reagierte wohlwollend. Ja, es war ein Fehler, aber andere Sportler würden ja auch ab und zu ihre Arbeitsgeräte beschädigen, sagte er, und überhaupt würde das alles nie wieder vorkommen. Man habe sogar gemeinsam über den Vorfall gelacht. Vonn gab sich bei der Siegerehrung am Samstag ebenfalls entspannt. Sie küsste Fanchini auf die Wange, die ihr den Sieg auf der wegen Windböen verkürzten Piste mit 0,14 Sekunden Vorsprung weggeschnappt hatte. Die Stimmung im Lager des Deutschen Skiverbands war da deutlich unterkühlter: Viktoria Rebensburg, am Freitag Achte, wehte es diesmal auf Rang zehn zurück (1,77); Patrizia Dorsch wurde 32. Rebensburg muss, wie zuletzt Vonn, auf das nächste Rennen hoffen - in ihrem Fall auf den Super-G am Sonntag.